Macht (Flug)-Lärm krank ?

 


Lärm gilt als gesundheitlicher Risikofaktor, der Millionen Menschen nervt, dem sich aber kaum jemand entziehen kann. Unter allen Lärmquellen hat der Fluglärm besonderes Gewicht.  Der Vorstellung, an Lärm könne man sich schadlos gewöhnen, wird von Wissenschaftlern widersprochen. Doch Lärm ist nicht gleich Lärm, und Geräusche werden unterschiedlich empfunden. Daß Lärm oft gesundheitsschädigend wirkt, behandelt die hier veröffentlichte Arbeit des Rüsselsheimer Mediziners Professor Dr. Rolf Denk, deren Schwerpunkt die Fluglärmbelastung ist. Bei der Nähe des Rhein-Main-Flughafens und militärischer Flugschneisen in Südhessen ein aktuelles, viel diskutiertes Thema.

 

Die Gefährlichkeit des Lärms für die Gesundheit der Menschen ist schon vor vielen Jahrzehnten von einzelnen klar erkannt worden. 1910 hat der Arzt und Forscher Robert Koch vorausgesagt: "Eines Tages wird der Mensch den Lärm ebenso unerbittlich bekämpfen müssen, wie wir heute die Cholera und die Pest bekämpfen."

 

Die rasante Technisierung unserer Umwelt hat Lärmwirkungen ungeahnten Ausmaßes für große Teile der Bevölkerung mit sich gebracht. Hauptverursacher massiver Lärm­emission sind bestimmte Industriebetriebe und vor allem der Verkehr (Kraftfahr­zeuge, Fluggeräte, Hochge­schwin­digkeitszüge). Bei den Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft hat sich aber noch immer nicht die Erkenntnis allgemein durchgesetzt, daß durch Technik verursachter Lärm kein Naturgesetz ist und nicht zwangsläufig die Begleitmusik der industriellen Gesellschaft spielt.  Schon vor etwa zwanzig Jahren hat der Mainzer Jurist Professor Dr. H. Rupp festgestellt: "Es muß im öffentlichen Bewußtsein die Einsicht Platz greifen, daß jede Art Lärmerzeugung nichts mit der Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit zu tun hat, sondern eine absolut undemokratische Freiheit darstellt, die Freiheit und das Wohlbefinden anderer zu beeinträchtigen."

 

Der Mediziner beurteilt Lärmschäden im wesentlichen von zwei Gesichtspunkten:

 

1.  Werden bestimmte Organe durch den Lärm direkt geschädigt und wenn ja, welche?

2.  Gibt es direkte Einwirkungen des Lärms auf die Gesundheit des Menschen und welche sind diese?

 

Zu 1. : Das einzige Organ, von dem eine direkte Lärmschädigung genau bekannt ist, ist das Innenohr.  In der Lärmstufe III (90 bis 120 dB(A)) kommt es zunächst zu vorübergehenden Taubheitserscheinungen, die oft erst nach Stunden oder Tagen verschwinden.  Bei häufiger Einwirkung dieser Lärmstufe über Jahre tritt mit Sicherheit eine krankhafte Schwerhörigkeit ein, die unter Umständen sogar zur Taubheit führt. Es handelt sich in solchen Fällen überwiegend um Lärmemission am Arbeitsplatz.  Deshalb wurden von arbeitsmedizinischer und berufsgenossenschaftlicher Seite genaue Vorschriften zur Verhütung solcher Schädigungen erlassen.  Strenge Überwachung dieser Vorschriften und regelmäßige ärztliche Untersuchungen der exportierten Personen haben die Gefahren für die Hörfähigkeit wesentlich mildern können.  Innenohrschwerhörigkeit wird auch durch den Lärm von Musikgeräten (Walkman, Radio im Auto und Discobesuch) verursacht.

 


Dezibel = db = rein physikalische Meßgröße des Schalldruckpegels

 

Dezibel (A) = db(A) = Meßgröße des gehörangepaßten Schallpegels

 

Wegen der logarithmischen Abhängigkeit des Schallpegels vom Schalldruck ergeben zwei gleichlaute Schallquellen einen um 3 db(A) höheren Schallpegel. 1 db(A) entspricht dem vom Menschen gerade noch wahrnehmbaren Schallpegelunterschied zweier Geräusche im Vergleichstest.

 

Zu 2. : Demgegenüber gibt es für die außerhalb des Innenohres ablaufenden Lärm­­schädigungen  kein eindeutiges Lärm­krank­heits­bild, das durch physikalische Messungen oder chemische Laboruntersuchungen zu beweisen wäre.  Die ständige Lärmeinwirkung führt also keine direkte Organschädigung (mit Ausnahme des Innenohres) herbei, sondern macht sich erst in einer Vielzahl von indirekten Wirkungen bemerkbar.  Für den Einzelfall kann damit die Erkrankungsursache Lärm nicht bewiesen werden, insbesondere da auch andere Umwelteinflüsse zu gleichen Folgen führen können.

 

 

Forschungswege

 

Um zu den indirekten Lärmschädigungen genauere medizinische Erkenntnisse zu erarbeiten, wurden verschiedene Forschungswege beschnitten.  Einmal hat man die in aufwendigen Massenuntersuchungen aus Gebieten mit bekannter Lärmbelastung gefundenen Ergebnisse mit Werten der Durchschnittsbevölkerung oder entsprechenden Werten von Bevölkerungsgruppen aus lärm­ärmeren Zonen verglichen.  Daraus ergaben sich statistisch zu sichernde oder nicht zu sichernde Unterschiede, aus denen dann Rückschlüsse auf die Lärmfolgen für die Gesundheit gezogen wurden. Solche Untersuchungen können aber die individuelle Lärm­ansprechbarkeit nur unzureichend mitberücksichtigen, so daß sich auch aus solchen Feldstudien für den einzelnen keine zufriedenstellenden Folgerungen ziehen lassen.  Immerhin läßt sich aber ein Trend erkennen.

 

Der andere Weg der Lärmforschung wurde im Labor beschnitten. Maßgeblich beteiligt an der Entwicklung und Ausdeutung dieser Labormessungen ist der überall in Deutschland bei Flughafenplanungen als ärztlicher Gutachter herangezogene Professor Dr. Dr. Jansen mit seiner Arbeitsgruppe.

 

 

Medizinische Beurteilung

 

Weil es für das Verständnis späterer Ausführungen wichtig ist, soll hier die Untersuchungsmethode kurz beschrieben werden. Mit einer kleinen Manschette - ähnlich einem gewöhnlichen Blutdruckmeßgerät - wird am Finger einer Versuchsperson die Pulsstärke gemessen. Die Versuchsperson wird für bestimmte Zeit einer definierten Schallbelastung ausgesetzt, dabei wird die Änderung des Fingerpulses aufgezeichnet.

 

Aus der Änderung der sogenannten Fingerpulsamplitude werden dann Schädigungs- und Gefährdungsbereiche abgeleitet.  Diese experimentellen Untersuchungen wurden ursprünglich mit wenigen jungen Menschen unternommen, die gesund, normal hörend und neutral oder sogar positiv (Versuchspersonen werden bezahlt) dem Lärm gegenüber eingestellt waren.  Den Versuchspersonen war bekannt, daß die Schalleinwirkung mit Versuchsende wieder aussetzt und sie nicht mit einer lebenslangen Lärmeinwirkung zu rechnen hatten.

 

Einen dritten Weg zum Nachweis der Lärmwirkung auf den Gesamtorganismus hat die Arbeitsgruppe von Prof.  Dr. Ising am Institut für Wasser-, Boden- und Lufthygiene des Bundesgesundheitsamtes erarbeitet.  Es handelt sich hierbei um Veränderungen des Magnesium- und Kalziumgehaltes von Körperzellen (rote Blutkörperchen, Herzmuskelzellen), die über weitere Reaktionen schließlich zur Beschleunigung der Alterungsprozesse und zur Vermehrung der Risikofaktoren für Herzkreislauferkrankungen führen können.  Für die weitere medizinische Beurteilung der Lärmeinwirkung auf den Gesundheitszustand sind die folgenden Faktoren von grundlegender Bedeutung:

 

1.  Wichtig ist die Feststellung eines Psychologen-Teams der britischen Universitäten Warwick und Cardiff, daß Frauen in wesentlichen lärmempfindlicher als Männer sind.  Männer konnten bis zu 13 dB(A) stärkere Geräusche ohne Störungsempfinden ertragen als die untersuchten Frauen.  Wenn die Zunahme eines Geräusches um vier dB(A) seiner Verdoppelung entspricht, so können die Männer im Durchschnitt drei- bis vierfach stärkeren Lärm als die Frauen ertragen.

2.  Außerdem ist die subjektive Einstellung des Betreffenden zu einer Lärmquelle von wesentlicher Bedeutung für seine Reaktion auf die Lärmemission.

3.  Unterschiedlich ist auch zu bewerten. ob die Lärmeinwirkung den Menschen im Wach- oder Schlafzustand trifft.

 

Somit sind zur Beurteilung der Ausgangslage folgende Punkte wichtig: Frau / Mann; positive / negative Grundeinstellung zum Lärm; Wachzustand / Schlaf / biologisch vorgegebene Lärmempfindlichkeit.

 

 

Gefahrensignale

 

In  der Natur signalisieren plötzlicher Lärm, oft allein schon unerwartete Geräusche für das Individuum Gefahr.  Die Sinne werden verstärkt auf Orten und Erkennen der Geräuschquelle ausgerichtet, der Körper wird in einen aktiven Zustand versetzt, der sofortige Abwehr oder Flucht ermöglicht. Durch Lärm wird in jedem Fall eine Streßreaktion mit allen zugehörigen Körperfunktionsänderungen ausgelöst.

 

Es wird behauptet, daß durch häufige Wiederholung eine Gewöhnung an solche Situationen erfolgen könne und entsprechend auch auf eine Gewöhnung an Lärm geschlossen, Für die Reaktion auf Lärmemission gibt es jedoch erwiesenermaßen keine Gewöhnung.  Auch der Fluglärmgutachter Jansen zitiert in seinen Gutachten zwei Autoren (Sokoloff und Lynn), die eindeutig zeigen konnten, daß sogenannte Gewöhnungsphänomene nur kurzfristig bestehen und bei Fortsetzung der Schallreize schwinden und durch konstante Abwehrreaktion abgelöst werden.  Die einzelnen Reaktionen mögen nach wiederholten Expositionen vermindert auftreten, sie bleiben aber nicht vollständig aus.  Es mag zwar gelingen, Fluglärm aus der Wahrnehmung zu verdrängen, aber Symptome wie erhöhter Blutdruck, Kopf-, Rücken- und Herzschmerzen können zurückbleiben.

 

Die erwähnten geringen Anpassungsvorgänge erlauben es dem Menschen in etwa, die täglichen Verkehrslärmexpositionen ohne direkten Schaden zu erdulden.  Ab einer bestimmten Intensität des Schalldruckpegels (etwa 70 dB(A)) setzen vegetative Reaktionen ein, beispielsweise periphere Gefäßreaktionen, die konstant auftreten, Dieses Verhalten könnte darauf zurückzuführen sein, daß bestimmte Schallintensitäten für den Menschen ihren Warncharakter nicht verlieren können. Als gefährlichste Lärmfolge beim Menschen ist die Steigerung das Blutdruckes anzusehen. Heusch und Mitarbeiter konnten nachweisen, daß Verkehrslärm von 81 dB(A) zu deutlichen Blutdrucksteigerungen bei den Betroffenen führt. Dabei ist es gleichgültig, ob es sich um Menschen handelt, die einen normalen oder schon aus anderen Gründen erhöhten Blutdruck haben, Ein besonders wichtiges Ergebnis war auch, daß der angegebene Verkehrslärm zu Blutdrucksteigerungen führte, während bei gleich lauten experimentellen Geräuschen, den sogenannten Breitbandgeräuschen, weitaus geringere Blutdruckreaktionen auftraten.

 

Dieser Befund ist so wichtig, weil die Grundlagenversuche für die Flughafengutachten von Jansen mit Breitbandgeräuschen durchgeführt wurden.  Mit der Blutdrucksteigerung steigt der periphere Gefäßwiderstand an, und die periphere Durchblutung wird verschlechtert (Oppliger und Grandjean). Dabei braucht das Ausmaß der Kreislaufreaktion nicht mit der Stärke der subjektiven Lärmempfindung übereinzustimmen.

 

Auch zeigt sich immer wieder, daß die Kreislaufveränderungen bei Bluthochdruckkranken besonders umfangreich sind (Heinecker).  Heutige Kenntnisse über die Schadensfolgen von Verkehrslärm gehen sogar noch eine Stufe weiter.  Auch Menschen mit normalen Blutdruck, aber mit erheblicher Belastung zur Hochdruckkrankheit, reagieren auf Verkehrslärm (schwankend zwischen 62 und 82 dB(A)) bei einem Dauerschallpegel von 72 dB(A) mit statistisch gesicherten höheren Blutdruckanstiegen (systolisch und diastolisch) als Personen ohne erhebliche Hochdruckkrankheitsbelastung (von Eiff und Mitarbeiter).

 

Der Vergleich eines Wohngebietes ohne größeren Verkehrslärm mit einem lauten Wohngebiet ergab ebenfalls einen höheren Prozentsatz an Bluthochdruckerkrankungen (14,6 zu 22,8 Prozent), wobei in dem lauten Wohngebiet bei den 20 bis 39 Jahre alten Frauen und Männern auch eine Beziehung zwischen den Angaben zur Häufigkeit einer Bluthochdruckbehandlung und Wohndauer bestand (von Eiff und Neus).

 


 

Fluglärm

 

Die bisher geschilderten Befunde beziehen sich auf die Einwirkung des Verkehrslärms insgesamt auf das Herz-Kreislaufsystem. Um den Einwand zu entkräften, daß der "übliche“ Verkehrslärm zu stärkeren Herz-Kreislauf-Reaktionen führe als der Fluglärm, ist im folgenden der speziell auf Fluglärm bezogene Befund hervorgehoben. Knipschild untersuchte in epidemiologischen Studien die gesundheitlichen Auswirkungen von Fluglärm. Beim Vergleich zweier Gruppen von Flughafenanwohnern fand er in der Gruppe mit 67 dB(A) Dauerschallpegel eine fünfzigprozentige signifikante Zunahme der krankhaften Herz-Kreislaufbefunde gegenüber der Gruppe mit einer 55 dB(A) Dauerschallpegelbelastung. Bei einer Zunahme des Fluglärms um 2,5 dB(A) stieg die Bluthochdruckrate um ein Prozent.

 

Zusamenfassend ist zu sagen, daß der Fluglärm schon ab Werten von 67 dB(A) Dauerschallpegel bei nahezu allen Menschen zu Blutdrucksteigerungen und Verengung der kleinsten Blutgefäße führt. Dies beinhaltet auch für den derzeit Gesunden einen erheblichen Risikofaktor, am Bluthochdruck zu erkranken. Menschen mit erheblicher Belastung zu Bluthochdruck haben mit relativ großer Sicherheit eine Herz-Kreislauferkrankung infolge der Lärmbelastung zu erwarten. Bei schon Herz-Kreislaufkranken kann eine weitere Blutdrucksteigerung zu Gefäßrissen mit Blutungen in lebenswichtigen Organen oder Gefäßverschlüssen führen (Herzinfarkt, Hirnschlag). Eine ganze Reihe weiterer vegetativ (unwillkürlich) gesteuerter Körperfunktionen werden durch Lärm, Verkehrslärm (damit auch Fluglärm) ungünstig beeinflußt.

 

In London wurde anhand der Krankengeschichte eines psychiatrischen Krankenhauses, das in der Nähe des Flughafens Heathrow liegt, die Anzahl der Einweisungen aus zwei unterschiedlich durch Fluglärm belasteten Stadtgebieten überprüft. Es stellte sich heraus, daß die Einweisungsquote aus dem höher belasteten Lärmgebiet insgesamt bedeutend höher war als die aus der ruhigeren Gegend. Dies gilt sowohl für die Gruppe der Neurosen wie auch der organisch bedingten Geisteskrankheiten. Dabei ist wohl der Anteil "stationär" zu behandelnder Neurosen als Ausdruck der Dekompensation durch den gestörten Schlaf, sind die organischen Hirnschäden als Folge einer durch chronischen Bluthochdruck hervorgerufenen Gefäßverkalkung zu sehen.

 

 

Erhöhtes Risiko

 

In der Sowjetunion wurden Flughafenangestellte neuropathologisch untersucht, Dabei finden sich allgemeine Ermüdung, Minderung der Arbeitsfähigkeit, Kopfschmerzen, unangenehme Empfindungen in der Herzgegend, Ohrensausen, Ohrenklingen, Juckreiz, Pulsbeschleunigung, Erhöhung des diastolischen Blutdrucks, Verminderung des Pulsdrucks, Spannungsabnahme der T-Zacke im EKG und Verschwinden einiger vasomotorischer Reflexe.  In einer anderen Studie, ebenfalls in der UdSSR, beobachtete man bei der Durchsicht von 145 000 Krankenblättern bei Flughafenanwohnern eine Häufung von folgenden Krankheiten: Ohrenentzündungen, Kreislauf-Hochdruck, schwächere Kreislaufbelastbarkeit, Nervenentzündung, Asthma, Magenschleimhautentzündung, Magengeschwüre. Im Bereich des Umweltlärms wird klar erkannt, daß die von Lärm betroffene Bevölkerung sich mehrheitlich nicht wohl fühlt, über Kommunikations- und Entspannungs-Störungen klagt, und zudem machen Untersuchungsergebnisse deutlich, daß die Bewohner stark lärmbetroffener Gebiete in erhöhtem Maße dem Risiko von Hörverlust, Kreislaufveränderungen und zum Teil auch psychischen Problemen ausgesetzt sind.

 

Die neue Dimension heißt "erhöhtes Risiko" und zum Teil merken die betroffenen Menschen nichts davon: ihr subjektives Wohlbefinden ist unverändert,

 

 

Verhaltensstörungen

 

Erschreckend sind auch die Einwirkungen auf die Entwicklung von Säuglingen und Kleinkindern. So untersuchten 1968 die Japaner Takahashi und Kyo den Einfluß von Fluglärm auf das körperliche Wachstum von Säuglingen und Schulkindern. Sie erkannten eine höhere Frühgeburtenrate, langsamere Gewichtszunahme und chronische Müdigkeit. 1973 folgte eine differenzierte Studie, die diese Ergebnisse bestätigte.

Tatsächlich scheinen Kinder besonders anfällig gegen Fluglärm zu sein.  Es wurde beobachtet, daß kleine Kinder bei Fluglärm Reaktionen wie Aufwachen, Erschrecken und Schreien zeigen, Säuglinge das Saugen der Milch unterbrechen.  Ein Schweizer Arzt berichtet über eine Reihe erster Verhaltensstörungen bei Säuglingen und Kindern in der Umgebung des Züricher Flughafens.

 

Aus der sozialwissenschaftlichen Lärmforschung ergeben sich weitere drei gravierende Wirkungen besonders von Fluglärm auf den Menschen.

 

1.  Die Behinderung der Kommunikation ist eine besonders zentrale Beeinträchtigung, Betroffen sind die verbale Verständigung im Gespräch (auch Telefonieren, Radio) als aktive Kommunikation.  Geht man davon aus, daß die Beeinträchtigung bei einem Störpegel von 50 dB (A) beginnt und bei Pegeln ab etwa 75 dB(A) keine eindeutige Satzverständlichkeit mehr gegeben ist, dann bedeutet in Flughafennähe fast jeder Start und auch jede Landung eine Unterbrechung der Kommunikation.  Da sprachliche Kommunikation das entscheidende Mittel des Menschen zum Kontakt mit der Umwelt ist, muß ihre Behinderung besonders negativ bewertet werden.  Daß darüber hinaus durch Lärm schon Erlernen und Beherrschen der Sprache bei Kindern verzögert und erschwert sind und sich daraus nicht nur schlechtere Leistungen, sondern auch persönliche Entfaltungsstörungen ergeben, kann diese Beurteilung nur verschärfen.   

2.  Die Beeinträchtigung das psychischen Befindens entsteht in der unmittelbaren Lärmsituation durch Unbehaglichkeitsempfindungen, Ärger, Nervosität, Erschrecken und Furcht-Assoziationen.  Daraus und aus der Bewertung von Störwirkungen resultiert eine generelle negative Reaktion auf Lärm, die langfristig erhalten bleibt.     

Das Ausmaß der Belästigung verdeutlichen folgende Zahlen aus einer Zusammenfassung von elf europäischen und amerikanischen Untersuchungen: Bei äquivalentem Dauerschallpegel von 70 dB(A) sind 40 bis 60 Prozent, bei Belastungen von 60 dB(A) etwa 20 bis 40 Prozent aller Anwohner gestört und verärgert.

 

Das heißt, daß auch außerhalb der Grenzwerte, wie sie etwa das Fluglämschutzgesetz definiert, ganz erhebliche Teile der Bevölkerung durch Lärm beeinträchtigt sind. In diesem Zusammenhang ist wesentlich, daß psychische Belästigungsreaktionen ihrerseits körperliche Folgewirkungen haben können.  Eine Reihe vegetativer Lärmfolgen scheint nicht direkt durch die Schallbelastung, wohl aber durch die Gestörtheit und Verärgerung über Lärm verursacht, insbesondere Wirkungen auf Blutdruck und Magen-Darm-Bereich. Stark belästigte Personen sind damit einem erhöhten Gesundheitsrisiko ausgesetzt; langfristige Belästigungen sind Ursachen für Krankheiten,

 

 

„Stressoren“

 

1.  Für Neubelastungen gilt, daß das Ausmaß der Gestörtheit und Verärgerung nicht einfach aus vorhandenen Erkenntnissen hochgerechnet werden kann. Es ist zu erwarten, daß bei jetzt neu eintretenden Lämsituationen in zuvor unbelasteten Wohngebieten relativ stärkere Reaktionen auftreten als bei gleichen Schallpegeln in alten Lärmsituationen. Zudem können Folgewirkungen von Belästigungen dann besonderen Stellenwert erhalten.

 

2.  Für Bewohner hochindustrialisierter und verdichteter Regionen stellt Lärm nicht den einzigen Belastungsfaktor dar.  Vielmehr muß Fluglärm im Zusammenhang mit anderen "Stressoren", sowohl weiteren Lärmbelastungen wie auch Luftverschmutzung oder Geruchsbelastung und ihren Folgewirkungen, gesehen worden, Eine Fluglärmlastung, die für sich genommen noch zumutbar erklärt werden mag, kann im Zusammenhang mit anderen Belastungen gesundheitsschädlich sein.     

3.  Zur Minderung von Beeinträchtigungen durch Fluglärm ist derzeit vorrangig der Einbau von Schallschutzfenstern vorgesehen. Aus sozialwissenschaftlicher Sicht kann dies keine zureichende Lösung des Fluglärmproblems sein, weil damit nur der innere Wohnbereich, nicht aber Außenwohnflächen wie Balkon, Terrasse, Garten und öffentliche Erholungsgebiete überhaupt geschützt werden können.  Außerdem sind raumklimatische und psychologische Nachteile (im Extrem bis zum sogenannten Bunkereffekt) zu bedenken.  Der Fluglärm findet in seiner Ausbreitung so gut wie keine Hindernisse.  In Bebauungsgebieten erfolgt durch Reflexion an betonierten Straßenflächen sowie an wenig gegliederten Häuserfronten eine Steigerung der Schallpegelspitzen bis zu 20 dB(A). Da der Lärm von oben einstrahlt, gibt es auch keine Schallschattenspender. Diese Phänomene haben bisher bei der Berechnung der Schallschutzzonen noch überhaupt keine Berücksichtigung gefunden. So wird auch ein Aufenthalt im Freien massiv gestört und besonders eine Erholung in den Restwäldern der Flughafenumgebung unmöglich.  Um dem psychischen Druck des Fluglärms zu entgehen, bleibt also keine andere Möglichkeit, als zumindest zeitweise eine andere Umgebung in Flughafenferne aufzusuchen. Aus den meisten Untersuchungen ergibt sich nämlich, daß der Fluglärm während der Erholungszeiten am Abend von 18 bis 22 Uhr und in der Nacht am meisten stört und verärgert. Fluglärm gilt als die unangenehmste aller Lärmarten in der sozialen Umwelt.

 

 

Schlafstörungen

 

Um die Einwirkungen des Fluglärms auf den Schlaf darzustellen, sind zunächst einige Bemerkungen über den normalen Schlaf notwendig: Etwas weniger als ein Drittel des Lebens verbringt der Mensch im Schlaf.  Der Schlaf ist eine aktive Leistung das Organismus; das Gehirn ruht während dieses Zustandes am wenigsten.  Auch der Kontakt mit der Umwelt ist keineswegs völlig aufgehoben. Eine ständige Auslese der eintreffenden Signale, vor allem akustischer Art, ermöglicht es dem Schläfer, auch nach relativ schwachen, für ihn jedoch bedeutungsvollen Reizen aufzuwachen.  Im Schlaf wechseln mehrere regelhaft auftretende Zyklen mit verschiedenen, voneinander abgrenzbaren Schlafstadien ab. Mit zunehmender Schlaftiefe zeigten Aufzeichnungen der Hirnaktivität (EEG) verminderte bioelektrische Aktivität des Gehirns. Von besonderem Interesse ist der sogenannte REM-Schlaf mit unregelmäßig auftretenden Augenbewegungen, den Rapid Eye Movements (REM). Die Hirnaktivität ist in dieser Phase höher als in den übrigen Schlafstadien, die Weckschwelle deutlich erhöht. Das Hirnstrombild entspricht jedoch am ehesten dem Einschlaf-EEG.

 

Während das paradoxen Schlafes ist die Anspannung der Skelettmuskulatur herabgesetzt; kurzzeitige Körperbewegungen sowie starke         Schwankungen der Herz- und Atemfrequenz sind charakteristisch. Das REM-Stadium gilt als Traumphase. Während seiner Dauer scheint das Gehirn zu "trainieren". Beim Säugling spielt der paradoxe Schlaf vermutlich eine Rolle in der Hirnreifung.  Wird der Schläfer jeweils zu Beginn einer REM-Phase geweckt, leidet die Schlafqualität. REM-Phasen lassen sich nicht aufschieben.  Sie müssen in der folgenden Nacht nachgeholt werden, wenn eine selektive Entziehung erfolgt.  Es entsteht praktisch eine Traumschuld, die dadurch ausgeglichen wird, daß der Schläfer in der folgenden ungestörten Nacht doppelt so lange wie sonst in den REM-Phasen verbringt. Ein selektiver Entzug dieser Phase über längere Zeit führt nicht nur beim Menschen, sondern auch beim Tier zu akuten psychischen Störungen.

 

Aber auch der synchronisierte Schlaf muß nach einem selektiven Entzug nachgeholt werden. Eine Erholung durch den Schlaf findet sich nur dann, wenn alle Schlafstadien in richtigen Verhältnis durchlaufen waren. Sind diese Verhältnisse verändert, verliert die gesamte Schlafdauer ihren eigentlichen Sinn. Inwieweit der REM-Schlaf Gedächtnis- und Lernprozesse beeinflußt. ist noch ungeklärt. Wie die ärztliche Erfahrung lehrt, ist die subjektive Schlafbeurteilung meist äußerst unzuverlässig. Beim Schlafgestörten muß man sich nicht nur dafür interessieren, wie er schläft, sondern auch, wie er lebt.

 

In seinem Gutachten für die Frankfurter Flughafen AG (FAG) geht Jansen davon aus, daß sich der Mensch an unkritische Geräusche unter 90 dB(A) gewöhnen kann. In Veröffentlichungen, die sich nicht auf den Planfeststellungsbeschluß des Rhein-Main-Flughafens beziehen, vertritt Jansen auch die gegenteilige Meinung. Schon kurze, informative Geräusche beeinträchtigen im Schlaf die zentrale, vegetative Kontrolle.  Die Schlaftiefe flacht ab, das EEG ist verändert, die Durchblutung fällt ab, zusätzliche Herzschläge treten auf.

 

 

Körperreaktionen

 

Zur Auslösung der verschiedenen Körperreaktionen auf den Lärm ist dessen Einwirkungsdauer unwesentlich.  Sie treten schon nach ganz kurzer Einwirkungszeit auf und folgen damit annähernd den Alles- oder Nichts-Gesetz.

 

Aus seinen Untersuchungen zur Beeinflussung des natürlichen Nachtschlafs durch Geräusche faßt Jansen zusammen: wir können auf Grund der bisher in der Literatur mitgeteilten Ergebnisse und durch unsere Untersuchungen den Schluß ziehen, daß in den flachen und in den tiefen Schlafstadien eine signifikante Beeinflussung im Schlafverhalten sowohl im Vegetativum als auch im EEG nachzuweisen ist.  Wir konnten darüber hinaus bei häufigen Wiederholungen von einzelnen Schallreizen feststellen, daß die Gesamtqualität des Schlafes durch einzelne Schallreize eindeutig negativ verändert wird.  Bei längerer Dauer der Schall­emission tritt schließlich ein Absinken der psychischen und psychomotorischen Leistungen ein. Es ist nicht auszuschließen, daß bestimmte Symptome oder Krankheitserscheinungen durch Störungen der Nachtruhe verstärkt oder ausgelöst werden oder sogar einzig durch Lärm bedingt sind."

 

Die Schlafstörungen unter nächtlichen Schallreizen bestehen also vor allem aus einer Verminderung der Tiefschlafzeit und Reduzierung der Gesamtschlafzeit. Gestörter Schlaf bedeutet: Körper und Geist können sich nicht ausreichend regenerieren, neue Energien werden weniger aufgebaut.  Totaler Schlafentzug führt bei jeden Menschen innerhalb kurzer Zeit zu schwerster psychischer Veränderung.  Geräusche wecken auf, verhindern Einschlafen und Durchschlafen. Wer an einer lauten Straße, einer Schnellbahntrasse oder einen Flughafen wohnt, weiß es. Manche glauben zwar, sich daran zu gewöhnen, aber es ist eine Gewöhnung an den schlechten Schlaf, nicht an den Lärm. Die vegetativen Reaktionen stellen sich nicht um. Reizbarkeit, Erschöpfung, Müdigkeit, Depression worden hingenommen, der Zusammenhang mit dem Lärm verliert sich aus dem Bewußtsein.  Der bewußte Zusammenhang zwischen Lärm­ereignis und Aufwachen kann auch verlorengehen, weil sich bis zum vollwachen Zustand das Flugzeug schon so weit entfernt hat, daß es als Lärmquelle nicht mehr erfaßt wird.

 

Andererseits verursachen die von den Strahltriebwerken ausgehenden Vibrationen (von einem bis zu 200 Hertz) oft Schwingungen von Gebäudeteilen, die ebenfalls zu einer Schlafunterbrechung führen. Diese tiefen Schwingungen setzen immer erst ein, wenn das übliche Motorengeräusch schon fast verklungen ist.  Die Vibrationen selbst führen nach bisherigen Erkenntnissen nicht unmittelbar zu Gesundheitsstörungen, bewirken aber Schlafunterbrechungen.

 

Die vorliegenden Untersuchungen über die Folgen der Schlafstörungen durch Fluglärm bezogen sich auf gesunde Erwachsene.  Säuglinge mit ihrem größeren Schlafbedürfnis, kranke und ältere Menschen mit oft geändertem Schlafrhythmus werden durch die Störungen ihres Schlafes durch (Flug)Lärm aber viel stärker geschädigt. Nicht zu vergessen Schichtarbeiter, die versuchen müssen, zu Tageszeiten zu schlafen, die wesentlich lärmintensiver sind als die Nacht.

 

 

Folgekosten

 

Die Gesundheitsstörungen durch Fluglärm sind zwar überwiegend ein individuell menschliches Problem, jedoch treffen sie mit ihren Folgen auch die Volkswirtschaft.  Die Folgekosten für Arbeitsausfall, ambulante und stationäre ärztliche Behandlung, für Kuren, physikalische Anvendungen und Medikamente sind beträchtlich.

 

Zu den Leitsätzen, die das ärztliche Sachverständigengremium in Auftrage der Internationalen Vereinigung gegen Lärm 1966 aufstellte, gehört folgender: „Die Sicherung einer ausreichenden, ungestörten Schlafzeit (vor allem der Nachtruhe) ist eine der wichtigsten Forderungen der Lärmbekämpfung. Der erwachsene Mensch braucht durchschnittlich acht bis neun Stunden Schlaf.  Kinder, Kranke und Erholungssuchende brauchen wesentlich längere, ungestörte Ruhezeiten. Dauernde wiederholte Beeinträchtigungen des Schlafes durch Geräusche sind gesundheitswidrig.“

 

 

Prof. Dr. med. R. Denk

 

Interessengemeinschaft zur Bekämpfung des Fluglärms e.V.

 

 

 

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