Stand: 01.2026
Aktuellere Entwicklungen im Themenkomplex
Schadstoffe,
Diese Doku befasst sich mit den Aktivitäten zur Bestimmung der Schadstoff-Emissionen am Flughafen Frankfurt in diesem Jahrhundert, hauptsächlich mit den Luftschadstoffen, von denen wir in Raunheim besonders betroffen sind. Er gliedert sich wie folgt:
Wie alle Massenverkehrsträger bisher emittiert auch der Betrieb des Frankfurter Flughafens grosse Mengen
Schadstoffe
in Luft, Wasser und Boden. Im Rahmen der
Ausbauplanung
wurden um die Jahrhundert-Wende diese Emissionen, ihre voraussichtliche Entwicklung, die daraus resultierenden Immissionen und ihre Wirkungen in mehreren Gutachten abgeschätzt.
(Der Deutsche Fluglärmdienst hat alle PFV-Unterlagen gesammelt, kann sie z.Z. aber aufgrund von Urheberrechts-Klagen nicht öffentlich zur Verfügung stellen. Wer dennoch Zugang hat: Ordner 60 enthält alles Wesentliche zum Thema Schadstoffe.)
Auch wenn diese Gutachten inzwischen über 20 Jahre alt sind und an den Ergebnissen im Einzelfall damals schon Zweifel angebracht waren, geben sie doch immer noch einen brauchbaren Überblick. Auch Fraport bezieht sich im Bedarfsfall manchmal immer noch auf deren Daten.
Neuere Daten zur
Luftqualität
am Flughafen wurden bis 2022 in
Lufthygienischen Jahresberichten
veröffentlicht, danach erfolgte nur noch ein Verweis auf
die Daten,
die die Hessische Landesanstalt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) an zwei Meßstellen auf dem Flughafengelände erfasst. Die Meßstationen dafür hatte Fraport aufgrund öffentlichen Drucks vor der letzten Ausbaurunde einrichten müssen, sie aber 2017 (zusammen mit den Kosten für den Betrieb) an das 'Umwelt- und Nachbarschaftshaus' als Einrichtung des Wirtschaftsministeriums übergeben.
Eine zusammenfassende Auswertung der täglichen Meßwerte erfolgt nicht mehr. Auch das sog.
Monitoring
des "Forum Flughafen und Region" verweist nur noch auf die HLNUG-Messungen. Da diese aber beim HLNUG als
Sondermeßprogramm
geführt werden, werden sie auch in den
Meßnetzberichten,
die die Daten der regulären Meßstationen zusammenfassen, nicht aufgeführt.
Die Luftschadstoffe, die am Flughafen emittiert werden, stammen aus Verbrennungsprozessen sowohl im Flugverkehr als auch von sonstigem Bodenverkehr, Heizung/Kühlung und anderen Prozessen wie Ausgasungen, Abrieb/Verschleiss etc..
Zu den Zuordnungsmöglichkeiten führt ein
Sachstands-Bericht
der Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestags zu "Schadstoffemissionen des Luftverkehrs" aus:
"Die Zuweisung von Schadstoffanteilen zu einem bestimmten Verkehrsmittel erfolgt auf Grundlage von Modellrechnungen und Simulationen. Beim Messen der Schadstoffe in der Luft kann nicht auf den Emittenten eines Schadstoffmoleküls zurückgeschlossen werden. Damit ist letztlich nicht quantitativ nachmessbar, welches Verkehrsmittel welche Emissionsbeiträge verursacht hat. Es handelt sich vielmehr um wissenschaftliche Abschätzungen."
Die Schadstoffe, die Boden und Grundwasser belasten, stammen in der Regel aus den Begleitaktivitäten des Flughafenbetriebs (Leckagen in Kerosin-Leitungen und -Tanks, unsachgemäßer Umgang mit Enteisungsmitteln usw.). Eine Ausnahme bilden eventuell die sog. "Ewigkeitschemikalien" aus der PFAS-Gruppe, die einerseits in Löschschäumen eingesetzt wurden und werden und auch am Frankfurter Flughafen erhebliche Verschmutzungen verursacht haben. Andererseits werden sie auch im Flugzeugbau angewendet und können ggf. im Betrieb freigesetzt werden.
Als Schadstoffe im engeren Sinn werden hier nur solche Stoffe betrachtet, die die Gesundheit von Menschen beeinträchtigen können oder in der Umwelt direkte Schäden anrichten können. Klimaschädigende Stoffe wie das Treibhausgas CO₂ sind hier nicht Thema.
Regelungen zur Bekämpfung der Luftverschmutzung haben eine lange Tradition und sind relativ komplex. Im deutschen juristischen Regelwerk sind die wichtigsten Vorschriften zu Kontrolle und Emission von Luftschadstoffen im Bundesimmissionsschutzgesetz BImSchG und dem zugehörigen untergeordneten Regelwerk (BImSchVs, TA Luft etc.) enthalten.
Eine Bewertung der gesundheitlichen Wirkungen dieser Schadstoffe wird in mehrjährigen Abständen von der Weltgesundheits-Organisation WHO vorgenommen, die entsprechende Richtlinien in Form der Air Quality Guidelines erstellt. Die letzte Version wurde 2021 veröffentlicht.
Aufgrund der grenzüberschreitenden Ausbreitung und Wirkung dieser Schadstoffe wurden eine Vielzahl der notwendigen Regelungen auf europäischer Ebene vereinbart. Die wichtigsten davon sind die Genfer Luftreinhaltekonvention oder UNECE Convention on Long-range Transboundary Air Pollution, LRTAP, die bereits 1983 in Kraft trat, die Europäische Luftqualitätsrichtlinie, die Grenzwerte für die Belastungen festlegt, die Richtlinie über nationale Emissionshöchstmengen und die IED-Richtlinie, die Industrie-Emissionen regelt.
Rund 85% des Ausstosses eines Triebswerks bestehen aus durchströmender Luft (Stickstoff und Sauerstoff),
von den heissen Abgasen sind 9% klimawirksames Kohlendioxid und Wasserdampf und nur 0,03% Schadstoffe
im eigentlichen Sinn - also kaum der Rede wert?
Messungen von Triebwerksemissionen im laufenden Betrieb sind schwierig und werden nur selten durchgeführt. Die Mengen an Schadstoffen, die am Flughafen tatsächlich ausgestossen werden, können daher nur abgeschätzt werden.
Dies geschieht in der Regel auf der Basis der durchgeführten Flugbewegungen und der dabei eingesetzten Triebwerke, deren Hersteller verpflichtet sind, Emissionswerte für sog. Standard-Zyklen anzugeben. Diese Daten werden in einer Datenbank der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation ICAO, der
ICAO Aircraft Engine Emissions Databank
gesammelt, die von der Luftsicherheitsagentur der EU, EASA, gehostet wird.
Für den Flughafen Frankfurt kennen wir zwei Quellen, die auf diese Weise Emissionen abschätzen. Der dafür zu nutzende Standard-Zyklus ist der von ICAO definierte LTO-Zyklus, der auch für die Zertifizierungs-Emissionen angewendet wird.
Fraport veröffentlicht in den Umwelterklärungen Emissionsdaten aus dem Luftverkehr, allerdings ohne genaue Angabe der Berechnungsart. Angegeben ist lediglich, dass nur Emissionen unterhalb 300 m Flughöhe berücksichtigt sind (da angeblich nur diese "lokal wirksam" seien). Woher diese willkürliche Höhenbegrenzung kommt (Fraport nennt sie Faustregel), ist völlig unklar, haltbar ist sie nicht.
ICAO legt in der LTO-Definition einen (schon recht niedrig angesetzten) mittleren Wert für die Höhe der bodennahen Atmosphären-Schicht, der sog.
Mischungsschicht,
zugrunde. Diese Schicht ändert sich mit lokalen Gegebenheiten, Tages- und Jahreszeit und Wetterbedingungen. Sie ist in der Regel gut durchmischt und von den höheren Atmosphären-Schichten mehr oder weniger abgegrenzt, so dass sich emittierte Stoffe in ihr mehr oder weniger gleichmässig verteilen, sofern sie nicht schnell absinken oder chemisch reagieren.
Eine Obergrenze von 300 Metern könnte bestenfalls für letztere angewendet werden, sofern nur lokal sehr eng begrenzte Einwirkungen untersucht werden sollen, aber keinesfalls für Schadstoffe wie Stickoxide oder Feinstaub.
Auch der Deutsche Fluglärmdienst DFLD veröffentlicht in seinen Jahresstatistiken Emissionswerte, die auf einer externen Identifikation der Flugzeuge beruhen. Letztere gelingt nur in etwa zwei Drittel aller Fälle, so dass die Daten unvollständig und zu niedrig sind. Andererseits berechnet der DFLD die Emissionswerte für den gesamten LTO-Zyklus bis rund 900 Meter Flughöhe, wodurch sich deutlich höhere Werte ergeben müssten. Die Unsicherheiten bei dieser Art Abschätzung sind daher sehr groß.
Das Problem hatten auch andere. So ergaben die beiden letzten Versuche des Umweltbundesamts, die Luftverkehrs-Emissionen in Deutschland zu kalkulieren (veröffentlicht
2010 und
2013, wobei der neuere Ansatz nicht zwangsläufig der Bessere ist), deutlich unterschiedliche Datensätze.
Mit anderen Worten: nichts Genaues wusste man lange nicht. Die nachfolgend zu diskutierenden Gutachten wussten es natürlich auch nicht besser, so dass alle dort zitierten Schlussfolgerungen mit Skepsis zu betrachten sind.
Auch in diesem Bereich hat es allerdings deutliche Fortschritte gegeben, so dass die inzwischen vorliegenden Berichte der Europäischen Umweltagentur einen brauchbaren Überblick über die Emissionen der wichtigsten Schadstoffe geben, auch wenn nach wie vor nicht völlig klar ist, wie gut die Daten wirklich sind. Näheres dazu erläutern wir für einige dieser Schadstoffe weiter unten.
Die Auswahl der Schadstoffe, die im Planfeststellungsverfahren für die letzte Ausbaurunde für relevant gehalten wurden, und ihre Behandlung in den diversen Gutachten wird in der Übersicht zur Umweltverträglichkeitsprüfung (Ordner 36, G1 Teil II, Vorhaben und Projektwirkungen,
Auszug)
dargestellt.
Die durch den Flugverkehr bedingten Emissionen, ihre Veränderungen beim Ausbau und die dadurch jeweils bedingten Immissionen beschreibt ein Gutachten des Ingenieurbüros Janicke, das eine für Raunheim interessante
Zusammenfassung
enthält. Demnach verdoppeln bis verdreifachen sich die Schadstoff-Immissionen an der Ostgrenze von Raunheim im "Planungsfall" gegenüber dem "Ist-Zustand".
Dennoch heißt es im zusammenfassenden Immissionsgutachten:
"Im Untersuchungsgebiet bewegen sich die Veränderungen der mittleren Gesamtimmissionen von der Ist-Situation (2005) zum Prognosenullfall (2020) zwischen Abnahmen um 38% und Zunahmen um 3%. Vom Prognosenullfall (2020) zum Planungsfall (2020) nehmen ... die mittleren Gesamtimmissionen um bis zu 4% zu",d.h. zwischen Ist-Zustand 2005 und Ausbaufall 2020 sollen sich die Immissionen zwischen einer Abnahme von 34% und einer Zunahme von höchstens 7% bewegen. Wie sollte das gehen?
Die künftigen Flugzeuge sollten nicht etwa Schadstoffe fressen, vielmehr machte sich Fraport hier die (angeblichen) Bemühungen anderer zunutze, Emissionen zu senken (insbesondere des Kfz-Verkehrs), um die Steigerung des eigenen Schadstoffausstoss nicht auffallen zu lassen. Dies sieht man auch sehr schön in der oben zitierten
UVP-Übersicht:
während die Zeile "Gesamt", die die Flughafen-bezogenen Veränderungen ausweist, fast überall Zunahmen, zum Teil drastischen Ausmaßes, zeigt, enthält die Zeile "Umland - gesamt" bei der Differenz die gewünschten negativen Werte.
Und wo die Kfz-Katalysatoren nicht ausreichen konnten, um die Flugzeug-Emissionen zu schönen, wie bei Ruß und Feinstaub, tauschte Fraport eben zusätzlich noch ein paar eigene, ohnehin modernisierungsbedürftige Dreckschleudern am Boden aus, um das gewünschte Ergebnis darstellen zu können.
Da also immissionstechnisch gesehen auch mit dem Ausbau (angeblich) Alles beim Alten bleiben sollte, wundert es nicht, dass auch die human-toxikologische Bewertung der Immissionen keine Gründe gegen den Ausbau gefunden hat. Dafür brauchte man eigentlich gar kein Gutachten mehr. Schon der "gesunde Menschenverstand" legt doch nahe, dass, wer den Dreck bis dahin überlebt hatte, ihn auch künftig überleben würde. (Wer ihn nicht überlebt hat, müsste erstmal beweisen, dass er daran gestorben ist - tut aber keiner.)
Dennoch enthält auch dieses Werk interessante Aussagen. Um wenigstens 70 Seiten zu füllen, läßt sich die Autorin, Frau Tesseraux, ausführlich über die Wirkung der zu bewertenden Schadstoffe aus - und gibt z.B. über die Wirkung von Feinstaub eine lesenswerte, auch nach 20 Jahren noch weitgehend korrekte
Zusammenfassung.
Darin weist sie u.a. auf die besonderen Gefahren der Staubfraktionen PM2.5 und PM0.1 hin. Selbst das RP hielt es nach ihrer Stellungnahme dazu im Anhörungsverfahren für sinnvoll, zumindest
"zu prüfen, ob im Humantoxikologischen Gutachten eine ergänzende Auseinandersetzung mit PM2,5 erfolgen sollte"
(Quelle nicht mehr online verfügbar). Umgesetzt wurde allerdings nicht einmal das.
Die Europäische Umweltagentur ( European Environment Agency, EEA) betrachtet Großflughäfen als potentielle Luftverschmutzungs-Schwerpunkte gemäß der Europäischen Luftqualitätsrichtlinie und stellt in einem Briefing 2025 fest, dass sie, wie auch Häfen, insbesondere zur Verschmutzung der jeweiligen Regionen mit Feinstaub und Stickoxiden beitragen. Auf diese beiden Schadstoff-Klassen wollen wir uns im Folgenden konzentrieren.
Schon 2009 warnten Umweltverbände mit derartigen Grafiken vor den Gefahren
durch die verschiedenen Feinstaub-Fraktionen in der Kampagne
Russfrei fürs Klima.
Feinstaub
unterscheidet sich von anderen Luftschadstoffen insofern, als er ausschliesslich durch die Grösse der Teilchen, aus denen er besteht (genauer gesagt, durch ein gewisses Spektrum von deren
aerodynamischen Durchmessern
definiert ist. Die chemische Zusammensetzung wird dabei nicht berücksichtigt.
Der Hintergrund ist, dass damit unterschiedliche Eindringtiefen in den menschlichen Atemtrakt und damit auch unterschiedliche Angriffspunkte für die Schadwirkung berücksichtigt werden sollten. Damit wurde auch pragmatisch akzeptiert, dass eine Bestimmung des Ursprungs und der chemischen Zusammensetzung in den meisten Fällen nicht oder nur mit erheblichem Aufwand möglich war.
Offizielle Stellen hielten es auch Jahre nach der Planfeststellung noch nicht für nötig, bei den Feinstaub-Fraktionen genauer hinzuschauen (siehe z.B die Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag aus dem Jahr 2012). Die öffentliche Diskussion in Deutschland konzentrierte sich weitgehend auf die Fraktionen PM10, erst ab 2010 auch zunehmend auf PM2,5, und auf den Strassenverkehr, Haushalte und große Industrieanlagen als Quellen.
Inzwischen ist die Gesundheitsschädlichkeit der beiden gröberen Feinstaub-Fraktionen international weitestgehend unumstritten. Das Regionalbüro der Weltgesundheitsorganisation für Europa hatte das Thema Feinstaub bereits im Update der Air Quality Guidelines 2005 ausführlich behandelt und kommt in einem 2013 veröffentlichten
Papier
zu der Schlussfolgerung:
"Die Gesundheitseffekte von PM10 und PM2.5 sind gut dokumentiert. Es gibt keinen Hinweis auf ein sicheres Expositionsniveau oder einen Schwellenwert, unterhalb dem keine negativen gesundheitlichen Effekte auftreten. Da die negativen Wirkungen der Luftverschmutzung selbst bei relativ niedrigen Konzentrationen signifikant sind, ist ein effektives Luftqualitätsmanagement zur Erreichung der Ziele der WHO Luftqualitätsrichtlinien notwendig, um Gesundheitsrisiken auf ein Minimum zu reduzieren."
(Schlussfolgerungen, S. 12, eigene Übersetzung).
Eine umfangreiche europäische Meta-Studie, die 'European Study of Cohorts for Air Pollution Effects'
ESCAPE
hat 2013 den Zusammenhang zwischen Feinstaubbelastung und Lungenkrebsrisiko auch unterhalb der geltenden Grenzwerte bestätigt. Im Oktober 2013 hat die zuständige WHO-Organisation Luftverschmutzung generell und Feinstaub insbesondere
als karzinogen eingestuft.
2019 wurde in einer gemeinsamen
Studie
des Max-Planck-Instituts für Chemie und der Universitätsmedizin Mainz gezeigt, dass die Gesundheitsgefahren durch Luftverschmutzung, insbesondere Feinstaub, und das dadurch bedingte Sterblichkeitsrisiko aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen noch deutlich höher einzuschätzen sind als bis dahin angenommen. Eine
Pressemitteilung
erläutert dazu:
"Schlechte, insbesondere mit Feinstaub belastete Luft führt zu Atemwegs- und Herzkreislauferkrankungen und stellt offenbar ein größeres Gesundheitsrisiko dar als bislang angenommen. ... Weltweit sterben laut der Studie jährlich etwa 120 Menschen pro 100.000 Einwohner vorzeitig an den Folgen von verschmutzter Luft, in Europa sogar 133 und damit mehr als im globalen Durchschnitt. In mindestens der Hälfte der Fälle sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen die Todesursache."
In einer weiteren Studie wurde 2022 gezeigt, dass diese Effekte durch eine Kombination mit Verkehrslärm noch deutlich verstärkt werden können.
Schon 2012 hat die 'United Nations Economic Commission for Europe' UNECE in einer Ergänzung des Göteborg-Protokolls als Teil des Übereinkommens zur Reduzierung weiträumiger, grenzüberschreitender Luftverschmutzungen erstmals auch Reduktionsziele für PM2,5 festgelegt. Es dauerte allerdings bis 2019, bis die Änderungen in Kraft getreten sind, zu diesem Zeitpunkt galten sie schon wieder als überarbeitungsbedürftig. UNECE strebt die nächste Überarbeitung für 2026 an.
Im Rahmen der Diskussion um die Anpassung der EU-Luftqualitätsrichtlinie an die Empfehlungen der WHO Air Quality Guidelines wurde vielfältig diskutiert, wie die Luftqualität in Europa vor dem Hintergrund der wissenschaftlichen Empfehlungen einzuschätzen sei. Eine Studie kam 2023 zu dem Ergebnis:
"98 Prozent der Menschen in Europa atmen schlechtere Luft als von der Weltgesundheitsorganisation empfohlen. ...
Fast die gesamte europäische Bevölkerung lebt in stark verschmutzten Städten, in denen die jährlichen Durchschnittswerte für Feinstaub höher sind als die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlenen Grenzwerte. Beinahe jeder Mensch auf dem Kontinent atmet also Luft, die erwiesenermaßen gesundheitsschädlich ist - und tödlich sein kann."
Die Ultrafeinstaub-Fraktion spielte allerdings in der Luftqualitätsdiskussion und in der Umweltüberwachung lange Zeit nirgendwo eine Rolle. Für Ultrafeinstaub galt damals und gilt für die allgemeine hessische Luftüberwachung offiziell immer noch:
kein Meßwert - kein Grenzwert - kein Problem.
Das soll sich zwar mit der
Umsetzung
der überarbeiteten EU-Luftqualitätsrichtlinie spätestens bis 2030 ändern, derzeit versuchen jedoch reaktionäre Kräfte in den schwarz-roten Bundes- und Landesregierungen aktiv
dagegen zu arbeiten.
Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Problem Ultrafeinstaub findet dagegen schon etwas länger statt. So gibt es ein deutsches Messnetz für Ultrafeinstaub GUAN, dass allerdings lange in der Öffentlichkeit unbeachtet blieb und derzeit auch keine Daten mehr öffentlich zur Verfügung stellt.
Dafür findet man zumindest auf den Themenseiten des Umweltbundesamtes und des Hessischen Landesamtes für Naturschutz, Umwelt und Geologie HLNUG einige Fakten über Ultrafeinstaub (PM0,1). Die FAQs dazu sind allerdings beim UBA auch erst auf dem Stand von Ende 2018, . beim HLNUG von Mitte 2019.
Die Beurteilungen der Gefahr für die Gesundheit durch ultrafeine Partikel (UFP oder PM0.1) waren lange nicht eindeutig, allerdings gab schon eine 2013 durchgeführte europäische
Experten-Umfrage
dieser Schadstoff-Fraktion eine sehr hohe Priorität.
Untersuchungen
der Wirkung von Abgasen aus Verbrennungsmotoren auf Gewebekulturen an der Uni Bern 2015 haben schon sehr deutlich gezeigt, dass gerade ultrafeine Partikel aus solchen Quellen Lungenzellen erheblich schädigen können. Über die üblicherweise vermuteten Wirkungen hinaus gab es auch schon 2014
Hinweise,
dass ultrafeine Partikel Gehirnschädigungen bewirken können, wie sie bei Krankheiten wie Autismus und Schizophrenie auftreten.
2014 wurden auch die europäischen Forschungsprojekte
UFIREG
und
UltraSchwarz
abgeschlossen, in denen in einigen europäischen Städten sowohl die Belastung mit Ultrafeinstaub als auch mögliche gesundheitliche Folgen untersucht wurden.
Dennoch kamen eine Überblicksstudie aus den USA 2013, eine Literaturstudie im Auftrag des Umweltbundesamtes 2018 und eine Meta-Analyse 2025 noch zu Schlussfolgerungen ähnlich dieser:
"Die Evidenz für Gesundheitseffekte bleibt uneindeutig oder unzureichend für die meisten studierten Endpunkte."
Daher konnte die Weltgesundheitsorganisation WHO in der
Überarbeitung
ihrer Luftqualitätsrichtlinien 2021 keine Richtwerte, aber immerhin Empfehlungen für 'gute Praxis' im Umgang mit Ultrafeinstaub und Russ (Black Carbon) veröffentlichen. Darin werden Bewertungskriterien festgelegt: als hoch gelten Anzahl-Konzentrationen von >10.000 Partikel/cm³ im 24-Stunden-Mittel oder >20.000 Partikel/cm³ im 1-Stunden-Mittel.
Da allerdings nach wie vor viel zu wenig gemessen wird, gibt es noch grosse Lücken im Verständnis von Entstehung, Verteilung, vorhandenen Konzentrationen und Abbau ultrafeiner Partikel, sowohl aus natürlichen als auch auch aus künstlichen Quellen. Ein erster Versuch, aus vorhandenen Emissions- und Immissions-Messungen, Satelliten-Daten für andere Schadstoffe, Bevölkerungs- und Umweltdaten und komplexen Modellierungs-Methoden Karten für die globale Belastung mit ultrafeinen Partikeln zu entwickeln, wurde
Ende 2025 veröffentlicht.
Mitte 2024 veröffentlichte das UBA eine
Studie
mit dem etwas missverständlichen Titel
"Stand des Wissens - Bedeutung von Vorläufersubstanzen für die Bildung von UFP".
Es handelt sich um eine umfassende Literaturstudie, die aktuelle Ergebnisse zu Emission, Umwandlung und Verbreitung sowie Immission ultrafeiner Partikel und ihrer Vorläufer zusammenstellt und vergleicht. Einen Versuch einer Abschätzung der direkten
UFP-Emissionen
aus dem gesamten Verkehrsbereich in Deutschland hat das UBA 2025 vorgelegt.
Eine aktuelle, gut lesbare Zusammenfassung der Kenntnisse zu "Gesundheitlichen Effekten von Ultrafeinstaub" liefert ein
Sachstandsbericht
der Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestags.
Hessisches Umweltministerium und HLNUG propagierten auch 2017 noch, dass der Luftverkehr keinen messbaren Einfluss auf die Luftqualität im Rhein-Main-Gebiet ausserhalb des unmittelbaren Flughafen-Umfelds habe. Im Auftrag des Umwelthauses positionierte das HLNUG ihren mobilen Messcontainer immer wieder im Umfeld des Flughafens, um immer wieder festzustellen, dass nach den damit erhaltenen Messwerten die Luft sauberer ist als an vergleichbaren Messstellen mit hohem Strassenverkehr.
Gemessen wurden aber für Feinstaub nur die Fraktionen PM10 und (teilweise) PM2,5, und diskutiert wurde praktisch nur PM10 (weil HLNUG selbst für PM2,5 damals nur wenige Vergleichswerte hatte: von den 36 in Hessen existierenden Meßstationen konnten 32 PM10 messen, aber nur 9 PM2,5 (Stand: Jan. 2017)).
Die Bedeutung des Flugverkehrs als eine wesentliche Quelle für die Ultrafeinstaub-Fraktion wurde zuerst durch Studien aus den USA aufgezeigt, z.B.
am Los Angeles International Airport LAX,
sowohl für Starts als auch für Landungen. Für die Partikelfraktion 0,01 - 1 µm konnte selbst für die Autostadt Los Angeles
nachgewiesen
werden, dass der Anteil aus dem Flugverkehr bis in 10 km Entfernung vom Flughafen in der gleichen Größenordnung liegt wie der des Straßenverkehrs.
Auch am Flughafen Amsterdam Schiphol wurden 2012 und 2014
Untersuchungen durchgeführt, die belegen, dass die Bevölkerung im Umfeld des Flughafens durch Ultrafeinstaub aus dem Luftverkehr belastet wird. Wegen der Bedeutung dieser Studie in der damaligen Zeit hat eine Mainzer BI eine
Übersetzung
eines Berichts eines beteiligten Instituts vorgelegt. Auch im Umfeld anderer internationaler Flughäfen, u.a. London Heathrow und Zürich, wurden in der Folgezeit zahlreiche Untersuchungen der UFP-Belastungen und -Wirkungen durchgeführt. Ein erfolgreiches Modell für die Ausbreitung ultrafeiner Partikel in Flughafen-Nähe wurde 2023
für Amsterdam-Schipol vorgestellt.
Eine
Studie
am Flughafen Kopenhagen hat 2012 gezeigt, dass Vorfeld-Mitarbeiter dort teilweise hohen UFP-Konzentrationen ausgesetzt sind und bei ihnen auch erhöhte Raten dadurch verursachter Krankheiten auftreten. Seitdem
mißt der Flughafen die Ultrafeinstaub-Belastung und beteiligt sich
an Projekten,
die darauf abzielen, UFP-Emissionen zu verringern.
Die Internationale Transportarbeiter-Gewerkschaft hat aufgrund der Kopenhagener Untersuchungen 2013 eine
Initiative
gestartet, um ICAO zu veranlassen, die Gefährdung von Flughafen-Beschäftigten durch Ultrafeinstaub in ihre Umweltschutzstandards aufzunehmen. Allerdings gibt es bis heute keine verbindlichen und einklagbaren Standards.
Auch der Dachverband der europäischen Flughäfen, ACI Europe, hat die Kopenhagener Studie zum Anlass genommen, seinerseits eine Metastudie zu erstellen, die zusammengefasst hat, was 2012 über die Ultrafeinstaub-Belastungen an Flughäfen und deren mögliche Wirkungen bekannt war. Im Jahr 2018 erschien eine zweite Auflage dieser Studie.
Hinter den Kulissen hat die Luftverkehrswirtschaft schon früher begonnen, erste Maßnahmen einzuleiten. Bereits 2010 hatte das ICAO-Umweltkomittee (CAEP) akzeptiert, dass die früher benutzte "Rauchzahl" (als Maß für den sichtbaren Rauch aus Triebwerken) kein angemessener Parameter für eine Triebwerkszertifizierung mehr sein kann und begonnen, einen neuen Standard für Partikel-Emissionen zu entwickeln. Im Bericht zur ICAO-Generalversammlung 2013 (CAEP/9) stellte das Komittee fest, dass der neue Standard ultrafeine Partikel im Bereich 15 - 40 nm erfassen müsste.
Die Standardisierungsorganisation SAE International hat daraufhin einen "Aerospace Information Report (AIR)" entwickelt, der 2020 in einer Neuauflage erschienen ist, und eine "Aerospace Recommended Practice (ARP)", die 2024 in dritter Auflage herausgegeben wurde, in der die technischen Details für die notwendigen Meßverfahren beschrieben werden.
Die ETH Zürich führt seit zwanzig Jahren jährlich eine Konferenz zu Nanopartikeln aus Verbrennungsprozessen durch. Die Konferenz 2016
hat den Emissionen aus Flugzeug-Triebwerken eine
eigene Session
gewidmet, in der im Wesentlichen die Ergebnisse der vom Schweizer Bundesamt für Zivilluftfahrt und der EMPA geförderten Meßkampagne an einem stationären Triebwerk vorgestellt wurden.
Beides hat zur
Entwicklung eines Zertifizierungs-Standards
für Flugzeug-Triebwerke beigetragen. Entgegen den Erwartungen wurde er vom ICAO-Umweltkomittee
CAEP
aber erst im Februar 2019 endgültig angenommen. Die Bestätigung dieses Standards durch den ICAO-Rat erfolgte im Frühjahr 2020, er ist
seit 01.01.2023 in Kraft.
Wie die meisten ICAO-Umweltstandards setzt er damit keine neuen Anforderungen, sondern vollzieht nur noch nach, was die Triebwerks-Technologie ohnehin schon erreicht hat.
Im September 2014 hat die "Europäische Organisation zur Sicherung der Luftfahrt" Eurocontrol eine Spezifikation für ein "Gemeinsames Umweltmanagement" an Flughäfen verabschiedet, mit der u.a. ein Standard für die Kontrolle der Umweltparameter gesetzt wird. Auch wenn die Formulierungen gegenüber dem ersten Entwurf von den "Stakeholdern" verwässert wurden, heißt es in der verabschiedeten Fassung noch sehr deutlich:
in Deutsch also etwa:
Das CEM Arbeits-Arrangement soll spezielle Prozesse einrichten, um die folgenden Umwelt-Schlüsselparameter zu erfassen und zu überwachen:
......
- NOx-Emissionen
- Partikel (PM) einschliesslich Ultrafeiner Partikel (UFP)
- Russ
Der Dachverband der europäischen Flughäfen, der AIRPORTS COUNCIL INTERNATIONAL EUROPE (ACI EUROPE), verabschiedete das Dokument unmittelbar danach als Recommended Practice. Mit anderen Worten: jeder europäische Flughafen, der ein Umweltmanagement auf dem Stand der Technik betreiben will, muss die Konzentration von ultrafeinen Partikeln messen und überwachen.
Eurocontrol hat die CEM-Spezifikation kontinuierlich weiterentwickelt mit wesentlichen Updates 2018 und 2021, aber an dem oben zitierten Passus hat sich inhaltlich nichts geändert.
Fraport spielt im ACI Europe eine bedeutende Rolle, 2025 wurde Fraport-Chef Schulte sogar zu dessen Präsidenten gewählt. Trotzdem entwickeln sie bisher keinerlei Ehrgeiz, ein solches Umweltmanagement einzuführen. Nicht nur haben sie die gesamte Überwachung der Luftqualität an staatliche Stellen abgeschoben, zum Thema Ultrafeinstaub sahen sie sich lediglich veranlasst, im November 2015 ein 4seitiges Papier zu veröffentlichen (letztes Update: Oktober 2019), das zwar einige Grundlagen zu UFP darstellt, aber gleich am Anfang festhält:
Anders als für PM10 und PM2,5 gibt es bislang weder einen messtechnischen Standard noch geeignete Beurteilungswerte für UFP. Aus diesem Grund werden bei Fraport zwar u.a. PM10 und PM2,5 gemessen, aber keine UFP.Am Ende wird dann aufgeführt, worauf Fraport warten will: erst müssen die staatlichen Stellen einen Meßstandard entwickeln, dann muss die medizinische Forschung die genauen Wirkungszusammenhänge feststellen, woraufhin der Gesetzgeber einen Grenzwert festlegen kann - und wenn sich dann herausstellen sollte, dass Minderungsmaßnahmen nötig sein könnten, kann man ja weitersehen. Verantwortungsvolles Handeln sieht anders aus.
Auch die ETH-Konferenz 2017 lieferte eine Reihe von interessanten Beiträgen. Im Bericht dazu heisst es:
"Ein paar Zahlen aus Beiträgen der Konferenz zeigen die Bedeutung der technisch-wissenschaftlichen Aufgabe, die man bisher auf die Partikelemission von Diesel-Fahrzeugen begrenzt glaubte:
- Hochgerechnet emittieren die 500 Millionen Fahrzeuge zusammen etwa 10²⁵ Nanopartikel pro Jahr. ...
- ... Rechnet man aus Daten der Konferenzbeiträge die Partikelemission der ca. 25‘000 Verkehrsflugzeuge hoch, so ergibt sich ein Total von 10²⁶ Nanopartikeln pro Jahr. Mehrheitlich werden diese Partikel unterhalb einer Flughöhe von 3000 ft emittiert ! ..."
Nach diesen Zahlen sind die Partikelemissionen aus Flugzeugtriebwerken global also um eine Grössenordnung höher als die aus allen PKWs zusammen. Auch sonst wurden in dieser Zeit international viele neue Erkenntnisse zusammengetragen.
In der Rhein-Main-Region blieb die Auseinandersetzung mit dem Thema Ultrafeinstaub zunächst den Bürgerinitiativen überlassen. Im Jahr 2013 hat der AK Feinstaub des BBI einen kritischen
Überblick
zum Thema "Ultrafeinstaub und Flugverkehr" erstellt. Um der trägen staatlichen Überwachung Beine zu machen, hat der Arbeitskreis, unterstützt durch Spenden aus den BIs, auch ein mobiles Meßgerät angeschafft, mit dem Partikel in der Größenordnung von 0,02 - 1 µm gezählt werden können. Auch ein
Flyer,
der in leicht verständlicher Kürze in das Thema einführte, wurde entwickelt.
Das Meßgerät kam in Raunheim im April und im Oktober 2015 zum Einsatz und hat auch sofort
hohe Belastungswerte
gezeigt. Ein zusammenfassender
Bericht
über die ersten Messungen im Umfeld des Flughafens Frankfurt lag Ende 2015 vor.
In der Folgezeit hat das Meß-Team Messungen an vielen Orten im Rhein-Main-Gebiet durchgeführt und den Einfluss des Flugverkehrs nachweisen oder zumindest als wahrscheinlich wesentlich zeigen können. Die Ergebnisse fanden in Expert*innen-Kreisen,
in der Region
und bei luftverkehrskritischen Initiativen bundesweit Aufmerksamkeit.
Auch an einigen anderen deutschen Flughäfen haben Initiativen daraufhin eigene Messungen in Flughafen-Nähe durchgeführt - und ausnahmslos überall deutlich erhöhte, teilweise extreme Belastungswerte von
mehreren Hunderttausend Teilchen pro Kubikzentimeter
gefunden.
Das HLNUG hat darauf reagiert und sich im September 2015 vom UBA
eine UFP-Messstation in Raunheim einrichten
lassen, um damit entsprechende Messungen zu üben. Anfangs wurde nur die Gesamt-Anzahl der Partikel gezählt, diese allerdings zeitlich hoch aufgelöst. Als Meßgerät wurde ein "Condensation Particle Counter" (CPC) eingesetzt, wie ihn auch der BBI-AK benutzt hatte, allerdings mit einem grösseren Meßbereich ab 3 nm. Die Daten aus dieser Zeit sind der Öffentlichkeit nicht (mehr) bzw. nur noch auf Anfrage zugänglich.
Nach zwei Jahren wurde die Station umgerüstet und mit einem Größen-auflösenden SMPS-Gerät (Scanning Mobility Particle Sizer) ausgestattet. Seit dem 01.09.2017 sind nun für diese Station
Messwerte
für sieben Partikel-Grössenklassen abrufbar. Allerdings dauert ein Scan über alle Größenklassen mehrere Minuten, so dass viele Peaks aus den Überflügen, deren Einwirkzeit weniger als eine Minute beträgt und die zum größten Teil aus Partikeln der unteren Grössenklassen bestehen, nicht mehr vollständig erfasst werden. Die gemessenen Werte geben daher die Situation in Raunheim nur unvollständig wieder.
Aus der Anfangsphase gibt es noch eine Präsentation von HLNUG und UBA für die Fluglärmkommission, in der sie über die Messungen im Zeitraum September 2015 – März 2016 berichten. Darin werden für Raunheim Partikel-Anzahlkonzentrationen von im Mittel 16.100 Partikel/Kubikzentimeter berichtet, mit einem maximalen Stundenwert von 142.000 Teilchen/cm³ und einem maximalen 5-Sekunden-Wert von 485.000 Teilchen/cm³.
Bereits in dieser Präsentation wird eindeutig gezeigt, dass die Belastungsspitzen bei nordöstlichen Windrichtungen auftreten, bei denen in der Regel über Raunheim angeflogen wird, aber es wird auffällig vermieden, eine Korrelation zwischen maximalen Teilchenzahlen und tatsächlichen Überflügen zu zeigen oder gar zu untersuchen.
Mit den SMPS-Geräten können solche Werte seit 2017 auch nicht mehr erfasst werden, seither werden nur noch beruhigende Langzeit-Mittelwerte in der Grössenordnung von einigen Zehntausend Partikel pro Kubikzentimeter berichtet. Verschwunden sind die kurzzeitigen Extrembelastungen deshalb natürlich nicht.
Um selbst der Frage nach der Rolle der Überflüge nachzugehen, haben wir Daten aus einer Grafik in einer Präsentation des UBA, die der Leiter der UBA-Station Langen im Dezember 2015 in Walldorf (und später in Büttelborn) vorgestellt hat und in der Meßwerte der Station Raunheim für den Monat September 2015 gezeigt werden, genutzt, um daraus mit sehr groben Methoden die nebenstehende Grafik zu entwickeln.
Diese Darstellung stützt die Hypothese, dass die Belastungswerte in Raunheim mit der Zahl der Überflüge korrelieren. Allerdings weigern sich alle beteiligten Institutionen, die über die notwendigen Daten für eine Prüfung dieser Hypothese verfügen (Fraport, HL(N)UG, Umweltbundesamt), bis heute, eine entsprechende Analyse zu präsentieren.
Uns ist nur
eine einzige Arbeit
bekannt, die versucht, diesen Zusammenhang wissenschaftlich zu untersuchen. Auch da standen nur unzureichend präzise Daten zur Verfügung (nur Stundenmittelwerte der UFP-Konzentration), trotzdem gelang es, einen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen der Zahl der Überflüge und der gemessenen UFP-Belastung zu finden:
"Statistisch ergibt sich eine Zunahme von ca. 1.100 Partikel pro cm³ pro zusätzlichem Überflug (pro Stunde)".
Aber auch das reichte nicht, um die o.g. Institutionen zu einer genaueren Prüfung zu veranlassen.
Das UBA hatte mit der Präsentation in Walldorf
erstmals öffentlich vorgetragen,
dass auch seine Messungen in Langen und in der Umgebung des Flughafens eine erhöhte Anzahl-Konzentration von Ultrafeinstaub-Partikeln (UFP) belegen und als wahrscheinlichste Quelle dafür den Partikel-Ausstoß aus den Flugzeug-Triebwerken benannt. Eine Folie (Nr. 22) zeigt die Ergebnisse einer mobilen Messung von der Station Langen bis in den Norden des Flughafens. Die Meßwerte reichen von weniger als 3.000 Partikel/cm³ im Langener Wald bis zu deutlich über 100.000 Partikel/cm³ entlang der Flughafen-Grenze.
Leider gab es auch bezüglich der sonstigen Langener Messungen keine weiteren Information (erst deutlich später sickerte noch das eine oder andere durch). Warum das so sein sollte, hat uns der Leiter der Station nach unseren Protesten in einer
längeren Mail
auseinander gesetzt.
Allerdings konnte nach den Ergebnissen, die im Jahr 2015 an die Öffentlichkeit gebracht wurden, niemand (ausser der Luftverkehrswirtschaft) mehr leugnen, dass hier ein echtes Problem vorliegt, dessen Auswirkungen zumindest gründlicher untersucht werden müssen. Das UBA hat auch angemessen reagiert und noch im gleichen Jahr angekündigt, dass es ein Forschungsprojekt plant, um die UFP-Konzentrationen "im Umfeld eines Großflughafens" umfassend zu untersuchen.
Damit begann eine neue Phase der Auseinandersetzung um die Ultrafeinstaub-Belastung im Rhein-Main-Gebiet, die nicht nur, aber doch zu einem wesentlichen Teil von den Diskussionen um die Modellierungsversuche für die UFP-Ausbreitung geprägt war.
Dieses Projekt mit dem sperrigen Titel
"Einfluss eines Großflughafens auf zeitliche und räumliche Verteilungen der Außenluftkonzentrationen von Ultrafeinstaub < 100 nm, um die potentielle Belastung in der Nähe zu beschreiben - unter Einbeziehung weiterer Luftschadstoffe (Ruß, Stickoxide und Feinstaub (PM2,5 und PM10)"hat im Oktober 2016 begonnen und wurde von Anfang an von massiver Kritik begleitet. Erste Zwischenergebnisse, die im April 2018 vorgestellt wurden, bestätigten die schlimmsten Befürchtungen: der gewählte Modellierungsansatz erwies sich als komplett unbrauchbar, die resultierenden Ergebnisse waren weit von der Realität entfernt.
Bei einer vom "Umwelt- und Nachbarschaftshaus" im Sommer 2019 durchgeführten Expertenanhörung haben die Autoren das Scheitern des Projekts weitgehend eingeräumt. Im erst im März 2021 erschienenen Abschlussbericht wurde das Projekt zur Machbarkeitsstudie heruntergestuft, aber trotzdem als Ergebnis postuliert:
"In Übereinstimmung mit Messungen ergab sich eine auf dem Flughafengelände deutlich erhöhte Ultrafeinstaub-Konzentration. Als Hauptquelle für Ultrafeinstaub wurden die Turbinen-Abgase bei Betrieb auf dem Boden ermittelt."Von den tatsächlich im Bericht enthaltenen Ergebnissen ist die zweite Aussagen allerdings nicht gedeckt. Trotzdem wurde sie in allen nachfolgenden Projekten als bewiesenes Faktum behandelt.
Die HLNUG-Meßstation in Raunheim
Das Scheitern dieses Projekts hat aber zunächst dazu geführt, dass die Aktivitäten zur Messung der tatsächlichen Belastung in der Region
ausgeweitet werden
sollten. Bereits im Herbst 2017 hatte mit der Einrichtung einer zweiten stationären Meßstation im Schwanheimer Wald das
Sondermeßprogramm UFP
der HLNUG begonnen, das in den folgenden Jahren in verschiedenen Formen erweitert wurde.
Auch die Stadt Frankfurt hat 2018 zwei UFP-Meßgeräte angeschafft, die nach längerem Kompetenz-Gerangel innerhalb des Magistrats
Meßwerte produzierten.
Ausser einer
ersten Auswertung
durch BI-Mitglieder, die die Rolle der Überflüge bestätigte, bleiben ihre Ergebnisse allerdings für die Öffentlichkeit verborgen, denn sie werden inzwischen auch von der HLNUG betreut, die ausser den täglichen Meßwerten dazu keinerlei differenzierte Auswertungen liefert.
Insgesamt hat die HLNUG in den letzten Jahren eine Menge Daten unterschiedlicher Qualität gesammelt. Neben den beiden deutlich vom Flugverkehr beeinflussten Stationen in Raunheim und Schwanheim, die seit 2017 die Grössenverteilung der ultrafeinen Partikel messen, aber keine kurzzeitigen Extremkonzentrationen erfassen können, und den beiden Frankfurter Meßstationen (Sachsenhausen und Oberrad), die seit 2018 bzw. 2019 die Gesamtpartikel-Konzentration (≥ 7 nm) messen, gibt es noch die HLNUG-Station in Frankfurt, Friedberger Landstrasse, die seit 2000 ebenfalls größen-aufgelöst primär die UFP-Belastung aus dem Strassenverkehr mißt. Im Jahr 2020 wurde auch die Station Frankfurt-Flughafen-West mit einem grössen-auflösenden UFP-Meßgerät ausgestattet.
Zusammen mit den temporär in verschiedenen Gemeinden (in der Regel für ein Jahr) eingerichteten Meßstationen umfasste das UFP-Meßnetz im Lauf der Zeit damit 14 Stationen. Anfang 2022 wurde sogar noch angekündigt, dass weitere Geräte angeschafft werden sollten, aber im März 2025 teilte HLNUG mit, dass "die temporären Messungen beendet" seien, also künftig nicht nur keine Erweiterung stattfindet, sondern die Messungen zurückgefahren werden. Lediglich die Mitte Juli 2025 noch betriebenen sechs Stationen sollen weiterhin Messungen durchführen.
Zur Auswertung der Daten wurden insgesamt vier zusammenfassende Berichte sowie Einzelberichte zu den temporären Messungen vorgelegt. Die Berichte brachten durchaus
einige Fortschritte,
allerdings liessen die Auswertemethoden von Anfang an viel zu wünschen übrig und erreichten mit dem abschliessenden
4. Bericht
2022 einen
absoluten Tiefpunkt.
Seither gab es ausser ein paar Einzelberichten nichts mehr. Zwar werden in den Jahresberichten des HLNUG noch die Jahresmittelwerte der jeweils in Betrieb befindlichen Meßstationen und die Anzahl der Überschreitungen der WHO-Schwellenwerte aufgelistet, die "Immissionsbeurteilung" beschränkt sich jedoch auf einige wenige Sätze aus den Sonderberichten. Man kann daher nur noch darauf hoffen, dass das neue Projekt "SOURCE FFR" irgendwie sinnvollen Gebrauch von den Daten macht.
Die Meßstation Schwanheim hat allerdings ausserhalb des eigentlichen Meßprogramms noch ein wesentliches Ergebnis geliefert. Das Institut für Atmosphäre und Umwelt hat in dort gesammelten UFP-Proben Flugzeugturbinen-spezifische Stoffe gefunden, die wohl überwiegend aus speziell in Turbinen eingesetzten Schmierölen stammen und möglicherweise ein noch grösseres toxisches Potential haben als andere ultrafeine Partikel.
Damit wäre einerseits ein Tracer gefunden, mit dessen Hilfe sich ultrafeine Partikel aus Flugzeug-Abgasen von UFP aus anderen Quellen unterscheiden lassen, andererseits steht aber auch zu befürchten, dass diese Art UFP noch grössere gesundheitliche Schäden im Flughafenumland anrichten. Genauere Untersuchungen dazu sind aktuell allerdings nicht geplant.
Dieses neue Projekt wurde ab 2019 vom grünen Zweig der damaligen schwarz-grünen Landesregierung vorbereitet. Die Expertenanhörung im August 2019 diente u.a. dazu, die Fragen zu definieren, die beantwortet werden sollten, obwohl für die Teilnehmer*innen angesichts der vielen dort sichtbar werdenden Widersprüche keineswegs klar wurde, worauf das hinauslaufen könnte.
Das Ende 2020 vorgestellte
erste Konzept
für eine solche Studie weckte dann auch zunächst schlimmste Befürchtungen, dass da mit erheblichem Aufwand und unter Einsatz grosser Mittel verhindert werden sollte, dass die wirklich wichtigen Fragen untersucht werden.
Welche Diskussionen dazu im Hintergrund abgelaufen sind, lässt sich nicht nachvollziehen, aber bei der nächsten grösseren
öffentlichen Präsentation
im Sommer 2022 konnte man zwar einerseits feststellen, dass die absurdesten Ablenkungsmanöver entfernt worden waren, andererseits aber dennoch erhebliche Mängel in den Inhalten deutlich wurden.
Das Projekt wurde in zwei Teilprojekte aufgeteilt: während die
Belastungsstudie
die
"Beurteilung der Belastung der Region mit ultrafeinen Partikeln"
zum Inhalt hatte, sollte die
Wirkungsstudie
"deren gesundheitliche Auswirkungen"
untersuchen.
Diese Aufteilung wurde kritisiert mit dem Hinweis, dass für die Bestimmung der gesundheitlichen Wirkungen eine möglichst genaue Kenntnis der jeweiligen spezifischen Belastungen nach Ort und Zeit erforderlich ist und daher eine Trennung zwischen Messung und Modellierung der Belastung einerseits und der Bestimmung der individuellen Exposition und gesundheitlichen Wirkung andererseits wenig Sinn macht. Zunächst sah es allerdings so aus, als könnten die beiden Teilprojekte zumindest in enger zeitlicher Koordination ablaufen.
Während aber die Belastungsstudie planmäßig am 01.04.2023 startete, begann für die Wirkungsstudie da gerade erst der Prozess der sog. Design-Erstellung, also die Entwicklung eines Programms für die Durchführung dieses Projektteils und die Festlegung der da zu bearbeitenden Inhalte. Zwar wurde die Design-Studie noch vor Jahresende fertiggestellt, aber danach versank dieses Teilprojekt im (gewollten) Chaos.
Mitbedingt durch den Regierungsantritt der schwarz-roten Koalition in Hessen, die umgehend ein
radikales umweltpolitisches Roll-back
einleitete, fuhr auch das FFR die ursprünglichen Ambitionen für dieses Projekt drastisch zurück und kürzte die Inhalte der Wirkungsstudie
auf weniger als ein Drittel
des in der Designstudie geplanten, ohnehin schon engen finanziellen Vorgaben angepassten Umfangs zusammen. Die verbliebenen beiden Module wurden
derart schlampig,
zugleich aber auch
restriktiv
ausgeschrieben, dass der Prozess komplett scheiterte: es gab kein einziges Angebot.
Im
zweiten Anlauf,
in dem die beiden Rest-Module auch noch getrennt ausgeschrieben wurden, fand sich immerhin für die relativ anspruchslose, aber auch wenig aussagekräftige "Sekundärdatenstudie" ein Anbieter, und sie konnte im September 2025 starten. Was aus der zweiten, grösseren und wichtigeren "Panelstudie" wurde, hat das UNH bis Ende 2025 nicht mitgeteilt.
Derzeit sieht es also so aus, als würde die Belastungsstudie mit guten Ergebnissen und halbwegs im Zeitplan abgewickelt werden können (das Arbeitspaket 1, das UFP-Emissionen behandelte, wurde fristgerecht und mit Erfolg abgeschlossen, die Modellierungsergebnisse aus Arbeitspaket 2 wurden allerdings nicht mehr, wie ursprünglich angekündigt, bis Ende 2025 vorgelegt), sie wird allerdings frühestens Ende 2026 abgeschlossen sein. Bei der Wirkugsstudie scheint die Frage allerdings nur noch, ob wenigstens noch einige, verspätete und völlig unzureichende Ergebnisse produziert werden, oder ob dieses Teilprojekt komplett scheitert. Das allerdings wird man möglicherweise erst im Jahr 2030 genau wissen.
Stickoxide oder Stickstoffoxide (überwiegend Stickstoffmonoxid NO und Stickstoffdioxid NO₂, zusammengefaßt NOx) bilden die zweite grosse Schadstoffgruppe, bei der die lokalen Konzentrationen kritische Werte erreichen und der Flugverkehr erheblich zu den Immissionen beiträgt.
Stickstoff
ist ein Baustein vieler wichtiger organischer Moleküle (u.a. DNA und Proteine) und damit essentieller Bestandteil und Nährstoff allen Lebens auf der Erde. In molekularer Form (N₂) ist er Hauptbestandteil der Luft (ca. 78 Vol-%).
Letzteres führt dazu, dass bei Verbrennungsprozessen, die Sauerstoff aus der Luft nutzen, besonders auch in Motoren und Turbinen, immer auch Stickstoff oxidiert wird und Stickoxide als Abgase ausgestossen werden.
Die Stickoxide sind dabei nur ein Teil der
reaktiven Stickstoff-Verbindungen,
die der Mensch in die Umwelt einbringt und die den natürlichen Stickstoff-Kreislauf aus dem Takt bringen und damit Probleme in allen Umweltbereichen hervorrufen.
Der "Sachverständigenrat für Umweltfragen"
(SRU),
ein Beratungsgremium der Bundesregierung, gab in seinem 2015 veröffentlichten
Sondergutachten
"Stickstoff: Lösungsstrategien für ein drängendes Umweltproblem" einen Überblick über diese Probleme und empfahl Maßnahmen zur Verbesserung.
Um die Komplexität dieses Kreislaufs zu verdeutlichen, wird zunächst betont,
"dass reaktive Stickstoffverbindungen ineinander umwandelbar sind, von einem Umweltmedium ins andere übergehen können und je nach Umweltmedium auch unterschiedlich wirken.
...
Zudem führen die unterschiedlichen Verteilungs- und Speicherprozesse zu einer zeitlichen und räumlichen Verlagerung der Wirkung reaktiver Stickstoffverbindungen. Dabei können die Effekte von regional bis kontinental reichen, Lachgas wirkt als Klimagas sogar global."
Die Dimension der Störung des natürlichen Kreislaufs macht der Planetary Health Check des 'Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung' deutlich. Demnach hat der menschliche Stickstoff-Input in die Umwelt die "sichere Zone" längst verlassen und befindet sich in der Hochrisikozone, in der gravierende Folgen drohen.
Zu den Einträgen in die Luft führt der SRU aus:
"Die Einträge in die Luft erfolgen über die Emissionen an Stickstoffoxiden, Ammoniak und Lachgas. ... Die bedeutendste Emissionsquelle für luftgetragenen Stickstoff ist die Landwirtschaft ... . An zweiter und dritter Stelle stehen die stationären Feuerungsanlagen ... und der Verkehr ...".
"Nach Stickstoffverbindungen differenziert, stammen 94 % der Ammoniakemissionen aus der Landwirtschaft. Die beiden Hauptquellen für Stickstoffoxide sind die stationären Feuerungsanlagen ... bzw. der Verkehr ... ."
Für das weitere Schicksal dieser Einträge gilt:
"Die emittierten luftgetragenen Stickstoffverbindungen wirken teils in der Nähe der Emissionsquelle, teils werden sie über weite Strecken transportiert, bevor sie deponieren und schädlich wirken. Daher setzt sich die Belastung eines Gebietes mit Luftschadstoffen aus einer Hintergrundbelastung und (falls vorhanden) einer lokalen Belastung zusammen. Die Hintergrundbelastung wird von keiner einzelnen Emissionsquelle dominiert und resultiert aus den ferntransportierten Luftschadstoffen, während die lokale Belastung aus lokalen Emissionsquellen stammt."
"Die Depositionsgeschwindigkeit – also die Geschwindigkeit, mit der sich eine luftgetragene Verbindung auf der Erdoberfläche ablagert – ist bei Stickstoffoxiden im Mittel siebenfach niedriger als bei Ammoniak ... . Stickstoffoxide legen also weitere Strecken zurück, bevor sie deponieren. ... Sowohl Ammoniak als auch Stickstoffoxide können aber mit anderen gasförmigen Bestandteilen der Luft zu Verbindungen reagieren, die Aerosole bilden oder sich an Aerosole anlagern. Diese Aerosole sind so klein, dass sie eine sehr geringe Depositionsgeschwindigkeit haben und daher tausende von Kilometern transportiert werden können, bevor sie hauptsächlich über Niederschlag (nasse Deposition) deponiert werden ... ."
Zum Verhältnis von Stickstoffmonoxid (NO) zu Stickstoffdioxid (NO₂) erläutert das UBA, dass "Stickstoffoxide zwar überwiegend als Stickstoffmonoxid (NO) emittiert werden, anschliessend aber atmosphärisch zu Stickstoffdioxid (NO₂) oxidieren."
Die Entwicklung der Stickoxid-Emissionen in Deutschland nach Emissionsquellen
und die Immissionen, die an den vorhandenen Meßstellen festgestellt werden konnten.
Auch wenn zu den Emissions-Schätzungen Fragen offenbleiben, ist der Rückgang eindeutig.
Die Stickoxid-Emissionen haben in Deutschland seit den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts kontinuierlich abgenommen, anfangs hauptsächlich wegen reduzierter Emissionen im Energiesektor, um die Jahrhundertwende auch durch stärkere Reduktionen im Verkehrssektor.
In den späten Nuller- und frühen Zehner-Jahren des jetzigen Jahrhundert fielen die Reduktionen im Verkehr deutlich geringer aus, u.a. wegen eines der
übelsten Betrugsmanöver,
das sich die deutsche Industrie in der Nachkriegszeit erlaubt hat und das als
Dieselgate
bekannt geworden ist.
Der im Herbst 2015 durch die US-Umweltbehörde EPA aufgedeckte Skandal machte deutlich, dass insbesondere Diesel-PKW im normalen Betrieb weitaus mehr Stickoxide ausstiessen als durch die geltenden Grenzwerte erlaubt, weil sog. Abschalt-Einrichtungen die Abgasreinigung ausschalten konnten, um höhere Motorleistungen zu erreichen. Da diese Einrichtungen die Prüfzyklen der Abgastests erkennen konnten, schalteten sie dabei nicht ab und täuschten damit eine wesentlich bessere Abgasreinigung vor.
Bundesregierung und Kraftfahrtbundesamt stellten sich allerdings
schützend vor die Automobilindustrie
und verhinderte ein konsequentes Vorgehen gegen diesen Betrug.
Das hatte zur Folge, dass dieser Betrug bis heute weder praktisch noch juristisch vollständig aufgearbeitet werden konnte. Praktisch stellte ein Bericht des ICCT, der Organisation, die wesentlich an der Aufdeckung des Skandals beteiligt war, noch 2023 fest, dass die Auswirkungen weiterhin massiv sind. Im deutschen Merkblatt heisst es dazu:
"Der Bericht bezieht sich auf Diesel-Pkw-Modelle mit Euro-5- und Euro-6-Zulassung, von denen zwischen 2009 und 2019 rund 53 Millionen Fahrzeuge in Europa verkauft wurden.Diese Studie verdeutlicht die weite Verbreitung von Kalibrierungsstrategien in Euro-5- und Euro-6-Dieselfahrzeugen, die zu überhöhten NOx-Emissionen führen, und die bisher vergleichsweise geringen Korrekturmaßnahmen."
- „Verdächtige“ NOx-Emissionswerte wurden bei mindestens 77 % der offiziellen Tests von Dieselfahrzeugen festgestellt, was auf die wahrscheinliche Verwendung einer verbotenen Abschalteinrichtung hinweist. ...
- Bei mindestens 40 % der offiziellen Tests wurden „extreme“ NOx-Emissionen festgestellt, was darauf hindeutet, dass mit ziemlicher Sicherheit eine verbotene Abschalteinrichtung vorhanden ist. ...
- Mehr als 200 getestete Fahrzeugmodelle weisen hohe NOx-Emissionen oberhalb des „verdächtigen“ Schwellenwerts auf. 150 Fahrzeugmodelle weisen Emissionen oberhalb der „extremen“ Schwelle auf. ...
- Insgesamt 66 Fahrzeugmodelle verwendeten die von den Herstellern beschriebenen Kalibrierungsstrategien, die nach den jüngsten Urteilen des EuGH als verbotene Abschalteinrichtungen zu betrachten sind. ...
Während es also bei den Emissionen u.a. auch wegen Betrugs bzw. willkürlicher Beschränkung der berichteten Mengen (wie bei Fraport, s.
oben)
Schwierigkeiten macht, brauchbare Daten zu erhalten, gibt es auch bei den Immissionsmessungen Probleme. Die Deutsche Umwelthilfe, die in der Vergangenheit mit zahlreichen
Klagen
Verbesserungen der Luftqualität in zahlreichen Städten durchsetzen konnte, hat
auch gezeigt,
dass bei den Immissionsmessungen einerseits massive Lücken bestehen und die offiziellen Meßnetze keineswegs alle Orte mit erhöhten Konzentrationen erfassen, andererseits zumindest in einigen europäischen Staaten extreme Belastungen
massiv vertuscht
werden. Dabei werden oft die Vorschriften für die Platzierung von Meßstationen
nicht eingehalten
oder die Messungen nicht korrekt ausgeführt.
Auch die von
Greenpeace 2016
zusammen mit dem Institut für Umweltphysik der Uni Heidelberg durchgeführten Messungen in 12 deutschen Städten zeigten, dass die offiziellen 'Hotspot'-Messungen nicht das gesamte Ausmaß der Belastung aufzeigen. Der
Abschlussbericht
sagt zu den Messungen in Frankfurt:
"In Frankfurt wurde eine allgemein sehr hohe Belastung beobachtet. So lag der extrapolierte Jahresmittelwert fur alle Messorte über dem Grenzwert von 40 µg/m3. Diese lagen jedoch abgesehen von einer Messung ... zwischen 40 und 63 µg/m3. Es liegt also eine besonders weit verteilte hohe Belastung vor, wenn auch mit weniger extremen Maxima in der Nähe von Hauptverkehrsstraßen. ... Das bedeutet, dass eine hohe belastung fur einen großen Teil der Bevölkerung vorliegt."
Woher diese "hohe Grundbelastung" kommen könnte, diskutiert der Bericht nicht.
Aktuelle Werte für die Belastung mit Stickoxiden können für Deutschland beim Umweltbundesamt und für Europa auf einer Themen-Webseite der Europäischen Umweltagentur abgerufen werden.
Stickoxide galten lange überwiegend als Umwelt-Schadstoffe, die direkt Pflanzen schädigen können und zur Versauerung von Böden sowie zur Bildung von Ozon und Feinstaub beitragen. Ihre Wirkungen auf die menschliche Gesundheit wurden lange auf die Probleme besonders anfälliger Personengruppen, insbesondere Asthmatiker, reduziert.
Daher wurde es auch politisch lange Zeit weitgehend ignoriert, dass die gültigen EU-Grenzwerte für Stickstoffdioxid in deutschen Städten flächendeckend so weit überschritten wurden, dass die EU sogar Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland einleitete. Im Rahmen der Diskussionen um 'Dieselgate' spitzten sich die Diskussionen allerdings zu. Während Umweltorganisationen nach und nach das Ausmaß des Skandals aufdeckten, verteidigten Regierungen und etablierte Parteien die Autoindustrie
mit grosser Hartnäckigkeit.
Es gab es auch
Kampagnen
von korrupten und/oder inkompetenten Wissenschaftler*innen, die versuchten, die toxischen Wirkungen von Stickoxiden zu verharmlosen oder anderen Schadstoffen, insbesondere dem Feinstaub, anzulasten. Dafür wurde sogar ein
eigener Verein
gegründet, in dem eine Zeitlang auch ein Fraport-Manager mitwirkte.
Dafür gab es durchaus Grund, denn punktuell geriet dabei auch der Beitrag des Luftverkehrs
in die Diskussion.
Aber obwohl weder dieser Verein noch andere Akteure relevante neue Beiträge zur Verschleierung dieses Beitrags lieferten, ergaben sich daraus keinerlei Konsequenzen.
Immerhin gelang es der wissenschaftlichen Community in Deutschland relativ schnell, die Fake-Kampagnen als solche zu entlarven, und bereits 2018 legte das Umweltbundesamt
eine Studie vor,
die die deutlich grösseren gesundheitlichen Risiken durch Stickoxide dokumentierte. Kurz danach veröffentlichte es auch noch allgemein verständliche
Fragen und Antworten
zu den Gefahren durch Stickoxide und der Rolle der geltenden Grenzwerte.
2021 beschloss die Weltgesundheitsorganisation WHO neue Richtlinien für die Luftqualität
(Air Quality Guidelines (AQG 2021))
und veröffentlichte dazu auch
umfassendes Quellenmaterial,
mit dem die Berechtigung dieser Grenzwerte belegt wurde.
Diese Vorgaben fanden
weitgehend Zustimmung
und wurden zur Grundlage
neuer EU-Grenzwerte,
die zwar weniger streng waren, aber dennoch neue Anstrengungen zu ihrer Einhaltung erfordern. Neueste
Untersuchungen
bestätigen diese Einschätzung.
Für das Jahr 2012 hat der SRU angegeben, dass etwas mehr als die Hälfte der Stickoxid-Emissionen aus dem Verkehrsbereich stammte. Daran hatte wiederum der Strassenverkehr einen Anteil von mehr als der Hälfte, während der Luftverkehr in Deutschland knapp 14% der Verkehrsemissionen und ca. 7,5% der Gesamtemissionen an Stickoxiden erzeugte, mehr als Industrie (ohne "Energieerzeugung") oder Landwirtschaft (s. Grafik).
Für die EU-Mitgliedsstaaten kommt eine Analyse der Europäischen Umweltagentur zu dem Ergebnis, dass der Anteil des Luftverkehrs an den NOx-Emissionen aus dem Transportsektor von 11% in 2019, trotz zwischenzeitlicher 'Corona-Delle', auf 14% in 2022 gestiegen ist.
Nach den oben zitierten Rechnungen in den Gutachten zur Planfeststellung sollte der Flughafen-Anteil an den Stickoxid-Emissionen in der Rhein-Main-Region in einer Grössenordnung von 10% liegen. Diese Grössenordnung wird bis heute noch zitiert, obwohl sich die Situation in der Zwischenzeit deutlich verändert hat.
Im Rahmen der Debatten um den Abgas-Skandal haben Berechnungen gezeigt, dass der Anteil des Luftverkehrs an der Belastung mit Stickstoffdioxid im Ballungsraum Rhein-Main für die Jahre 2009/2010
bei über 12% lag.
Aus den Daten im letzten vom HLNUG veröffentlichten
Emissionskataster
für 2019, in dem allerdings für den Flugverkehr auch nur die 'geschönten' Fraport-Daten angegeben sind, lässt sich ein Anteil von gut 14% der Verkehrsemissionen oder 4,4% der Gesamtemissionen errechnen.
Die Modellierung zeigt zumindest im direkten Umfeld des Flughafens einen sehr deutlichen Einfluss des Flugbetriebs.
Würde man die realen LTO-Emissionen an Stickoxiden zugrunde legen, müssten diese Werte 2-3mal höher sein.
Da die Emissionen aus dem Verkehrsbereich in den Jahren danach trotz der Betrugsmanöver der Automobilindustrie weiter gesunken sind, die Emissionen aus dem Flugverkehr wegen nur geringer technischer Fortschritte bei gleichzeitigem Anstieg der Zahl der Flugbewegungen nach der 'Corona-Delle' aber wieder gewachsen sein dürften, muss auch dieser Anteil weiter gewachsen sein und wird insbesondere auch künftig weiter ansteigen.
Im Rahmen des
UBA-Projekts,
das eigentlich die Belastung mit Ultrafeinstaub im Umland des Flughafens Frankfurt darstellen sollte, aber daran gescheitert ist, wurden auch Modellierungen der Belastungen durch andere, eher "traditionelle" Schadstoffe durchgeführt, die wesentlich bessere Ergebnisse lieferten.
Dargestellt sind da jeweils die modellierten Konzentrationen in Bodennähe, also dort, wo die Schadstoffe eingeatmet werden können.
Obwohl die Erfassung der NOx-Emissionen aus dem Flugverkehr auch da unzureichend war, ergab sich schon ein Bild der Gesamtbelastung der Region, das einen wesentlichen Beitrag des Flugverkehrs zeigte.
Während flächendeckend niedrige NOx-Konzentrationen dominieren, gibt es Hotspots, in denen zumindest die WHO-Richtwerte, meist aber auch die künftigen EU-Grenzwerte überschritten sind.
An praktisch allen Hotspots gibt es auch Flughäfen, die (in unterschiedlichem Ausmaß) zur Hintergrundbelastung beitragen.
Neuere Modellierungen des Anteils des Flugverkehrs konnten wir nicht finden.
Um die Hypothese eines Einflusses des Flugverkehrs auf die regionalen Belastungssituationen dennoch weiter zu untermauern, haben wir verschiedene weitere Darstellungen dieser Belastungen betrachtet.
Das Umweltbundesamt liefert für die Jahresmittelwerte der NO₂-Belastung Karten, die die generell geringen Belastungen in der Fläche modellieren.
Dies wird ergänzt durch die Darstellungen sog. Hotspots, für die punktuelle Werte dort vorhandener Meßstationen mit erhöhten Werten angegeben werden.
Wir haben eine solche Karte für 2024 mit einer Karte der Verkehrsflughäfen in Deutschland überlagert. Wie sich zeigt, gibt es nahezu überall dort, wo Hotspots auftreten, auch Flughäfen, die dort zur Hintergrundbelastung beitragen.
Natürlich ist davon auszugehen, dass dieser Beitrag regional stark unterschiedlich ist. Im Ruhrgebiet, wo noch etliche fossile Dreckschleudern in Form von Kohlekraftwerken aktiv sind, dürfte der Beitrag der dortigen Flughäfen Düsseldorf und Köln/Bonn eher gering sein.
Das ist anders im Rhein-Main-Gebiet, wo relativ wenige sonstige Quellen vorhanden sind und deshalb der grösste deutsche Flughafen Frankfurt einen deutlichen Beitrag liefert.
Ergänzt wird diese Betrachtung durch die Darstellung von Satelliten-Aufnahmen, die Bilder des NO₂-Gehalts der Atmosphäre über einer Region liefern. Das Erdbeobachtungsprogramm der EU Copernicus stellt dazu 2021 fest:
"NO₂ oder Stickstoffdioxid ist ein kurzlebiger Schadstoff. ... Das bedeutet, dass die höchsten Konzentrationen relativ nah an der Quelle bleiben. Die meisten Emissionsquellen befinden sich auf der Oberfläche und entstehen durch menschliche Aktivitäten .... Es gibt jedoch auch einige Quellen in grösseren Höhen, wie Blitze oder Emissionen von Flugzeugen."
"Es gibt zwei verschiedene Methoden, um abzuschätzen, wie Emissionen in Raum und Zeit variieren. Eine, die sogenannte 'bottom-up'-Methode, basiert auf der Klassifizierung der Quelltypen. ... Die bottom-up-Methode leitet Emissionen aus Aktivitäts-Indikatoren ab [und] ist der Weg, wie Emissions-Register zusammengestellt werden. Die andere Methode, die sog. 'top-down'-Methode, nutzt atmosphärische Beobachtungen von Satelliten oder in-situ-Messungen zusammen mit numerischen Modellen, um die Informationen aus der 'bottom-up'-Methode zu verfeinern und zu verbessern."
"Eine aktuelle Studie, veröffentlicht von der 'American Association for the Advancement of Science', nutzt bekannte bottom-up-Informationen über die grössten Einzelquellen-NOx-Emitter in Deutschland, um zu zeigen, wie top-down Remote-sensing-Daten von Copernicus genutzt werden können, um einzelne Kraftwerke in Unterscheidung zu anderen Emissionsquellen identifizieren zu können:
„Gemäss dem European Pollutant Release and Transfer Register (E-PRTR) sind die sieben Kohlekraftwerke die stärksten Punktquellen für NOx über Deutschland. Zusätzlich zeigt die top-down- [auf Copernicus basierende] Emissionskarte hohe Werte über dichtbesiedelten und industrialisierten Flächen wie dem Ruhrgebiet nördlich von Köln oder der Rhein-Main-Region rund um Frankfurt, ...“."
Zusätzlich erwähnt der Beitrag noch einen Kommentar, in dem eine Abbildung gezeigt wird, auf der Flug- und Schiffs-Routen anhand der dort auftretenden NOx-Emissionen identifiziert werden können.
Die NO₂-Belastung im Rhein-Main-Gebiet an einem Wintertag mit nordöstlichem Wind
und Anflug auf FRA von Westen im Satelliten-Bild, überlagert mit den Flugrouten für An- und Abflug.
Die gezeigten Abflugrouten werden alle in Höhen von 0 - 2 km geführt und tragen den grössten Anteil zum Input in bodennahe Luftschichten bei. Bei Starts werden relativ schnell grössere Höhen erreicht.
Wir haben daher mal eine Darstellung, die NOx-Konzentrationen in der gesamten Luftsäule über der Rhein-Main-Region zeigt, mit den Flugrouten bei Betriebsrichtung 07, die zu diesem Zeitpunkt genutzt wurde, überlagert.
Zwar sind hier keine einzelnen Flugrouten zu erkennen, aber das ist bei der großflächigen Hintergrundbelastung, die von den Modellierungen des UBA und anderen regelmäßig gefunden wird, auch nicht zu erwarten.
Man erkennt aber, dass die Konzentrationen dort besonders hoch sind, wo sich auch der Flugverkehr konzentriert. Ob das auch einen kausalen Zusammenhang zeigt, wäre allerdings noch zu beweisen.
Vergleicht man diese Darstellung mit den oben gezeigten, im UBA-Projekt modellierten durchschnittlichen Belastungen, so zeigt sich, dass hier die Belastung rund um den Flughafen deutlich höher ist als z.B. die Belastung über dem Stadtgebiet von Frankfurt. Das wäre konsistent mit der Annahme, dass der Flugverkehr die NO₂-Belastung möglicherweise nicht direkt am Boden, aber doch in den bodennahen Luftschichten, die bei An- und Abflug durchflogen werden, signifikant erhöht.
In welcher Form dieser Input in geringer Höhe (etwa zwischen 1 - 3 km) zu dem beiträgt, was dann als "Hintergrundbelastung" am Boden registriert wird, ist eine der offenen Fragen, die noch zu klären wären, wenn man den Einfluss des Flugverkehrs auf die Schadstoff-Belastung der Bevölkerung wirklich erfassen wollte.
[Eine umfassende Bearbeitung dieses Themas konnten wir bisher nicht leisten. Die nachfolgenden Ausführungen beziehen sich ausschliesslich auf die Belastungen, die im Zusammenhang mit dem Bau von Terminal 3 eine Rolle spielten.]
Im Jahr 2019 wurde Fraport beim
Bau des Terminal 3
mit einem Problem konfrontiert, das sie längst gelöst zu haben glaubten: die Altlasten im Boden aufgrund der jahrelangen militärischen Nutzung. Zwar hatten einschlägige Boden-Untersuchungen schon vor der Übergabe des Geländes durch die USA festgestellt, dass Kontaminationen existierten durch eine Vielzahl von Stoffen, darunter damals so genannte "Polyfluorierte Chemikalien" (PFC), die in Löschschäumen enthalten und bei Löschübungen und einigen wenigen realen Einsätzen in den Boden gelangt waren.
Allerdings hatte es weder bei der grundsätzlichen Genehmigung dieses Ausbauprojekts im Planfeststellungsverfahren bis 2007 noch während der Bauantrags- und Genehmigungs-Phase 2013-2015 und der Genehmigung für
das Vorziehen von Flugsteig G
2018 jemand für nötig gehalten, da genauer hinzusehen und Auflagen zu erteilen.
Der wohl problematischste Stoff unter allen vorhandenen Belastungen: PFOS.
Ärgerlicher Weise (für Fraport) gehörten die damals festgestellten Schadstoffe aber zur grösseren Gruppe der sog. "Per- und polyflourierten Akryl-Substanzen"
(PFAS),
deren schädliche Wirkungen auf Gesundheit und Umwelt durch eine Reihe von Skandalen immer mehr ans Licht der Öffentlichkeit gelangten und deren Analytik sich in diesem Zuge wesentlich verbessert hatte.
Darunter war auch eine Chemikalie aus der Gruppe der PFC, das
Perfluoroctansulfonat
(PFOS), das schon 2006 in der EU weitestgehend verboten wurde und seit 2009 als
persistenter organischer Schadstoff (POP)
weltweit strikten Beschränkungen unterliegt.
Natürlich konnte Fraport von dem vorhandenen Problem nicht wirklich überrascht gewesen sein. Hinweise auf frühzeitige Kenntnisse liefert eine Chronologie, die der Informationsdienst Umwelt und Militär für die "Konversionsfläche US Air Base Rhein-Main / Flughafen Frankfurt" erstellt hat. Da wird u.a. ein Geothermie-Projekt erwähnt, dass Fraport 2009 zusammen mit RWE begonnen hatte, das aber trotz erfolgreicher Probebohrungen 2013 ergebnislos abgebrochen wurde. Die mögliche Erklärung:
"Die Umsetzung des Geothermie-Projekt hätte auch einen signifikanten Schadstofftransport vom obersten Grundwasserleiter in untere (noch unbelastete) Grundwasserleiter zur Folge haben können, was offenbar als zu großes Risiko für Trinkwassereinzugsgebiete angesehen wurde."
Auch das Grundwasser-Monitoring, dass Fraport schon seit vielen Jahren zur Überwachung unterschiedlichster Belastungen betreibt, lieferte wohl schon früh Hinweise. 2012 wurden sechs weitere Meßstellen rund um das Baufeld T3 in Betrieb genommen mit dem Hinweis:
"Aufgrund der flächenhaft festgestellten Belastung des Grundwassers auf dem Flughafengelände mit perfluorierten Tensiden und Nitrosaminen wird der Untersuchungsumfang um die Parameter PFT und NOMOR ergänzt."
Der PFAS-Geringfügigkeitsschwellwert (GFS) von 0,1 µg/l wurde wohl großflächig überschritten, aber Genaueres ist nicht zu finden. In ihren Umwelterklärungen teilt Fraport seit Jahren lediglich mit:
"Zur Überwachung der Grundwasserbeschaffenheit befinden sich auf dem Flughafen Frankfurt über 280 Grundwassermessstellen. Weitere 270 Grundwassermessstellen sind im direkten Umfeld vorhanden. An mit den Behörden festgelegten Messstellen werden die Grundwasserqualität und der Grundwasserstand ermittelt. Die Aufbereitung der Daten erfolgt in einer Grundwasserdatenbank."
Diese Datenbank ist allerdings nicht öffentlich zugänglich.
Trotz alledem hat Fraport wohl darauf gehofft, dass die seit Jahrzehnten praktizierte Verschleierung der Gefahren durch PFAS noch weiterhin halten würde und hat den Aushub der grossen Baugrube für Terminal 3, die von Ende 2015 bis Ende 2017 ausgebaggert wurde, offen auf dem Baugelände zwischengelagert, ebenso die (wohl wesentlich kleineren) Mengen, die beim Bau des Flugsteig G ab 2018 angefallen sind.
Was ihnen dann dazwischen kam, machen zwei Zitate aus einem 2020 erschienenen Sanierungsleitfaden des Umweltbundesamtes deutlich, der die bereits in den Jahren zuvor veröffentlichten Anleitungen, Leitfäden und Empfehlungen aus verschiedenen Quellen zusammenfasst:
"Eine Zwischenstellung zwischen lokalen und flächenhaften PFAS-Kontaminationen können Flughäfen einnehmen. Neben den bekannten Punktquellen, wie beispielsweise Feuerlöschübungsplätze, Feuerwachen, lokaler Einsatz von PFAS-haltigen Feuerlöschschäumen, wird häufig eine diffuse Belastung großer Flächen des Standortes festgestellt, die möglicherweise auf die Windverdriftung von Feuerlöschschäumen oder auf andere Prozesse (Überschwemmungen aus Ablaufgräben u. ä.) zurückzuführen sind."
Genau das hatte sich aufgrund der zahlreichen Hinweise bereits angedeutet, war aber bis dahin nicht durch Messungen überprüft worden. Um den überschüssigen Bodenaushub aber loswerden zu können, musste dessen Belastung dokumentiert werden, und dafür galt nun:
"Aufgrund der Tatsache, dass manche Böden anhand der Feststoffanalytik (Bestimmungsgrenze meist 1 – 10 µg/kg) scheinbar PFAS-frei sind, aber im wässrige Eluat (Bestimmungsgrenzen meist 1 – 10 ng/L) PFAS-Konzentrationen oberhalb der Beurteilungswerte aufweisen, sind bei den Untersuchungen Eluatanalysen notwendig."
Wie nicht anders zu erwarten, ergaben diese nun durchgeführten Eluatanalysen ein ganz anderes Bild der Belastungen, die offenbar auch flächendeckend deutlich höher waren als die alten Messungen bei Übergabe des Geländes durch die US Air Force vermuten liessen. Daher mussten wesentliche Teile des vorhandenen Bodenaushubs nun als Sondermüll behandelt werden.
Die Grafik mit den Meßwerten, die Fraport im Genehmigungsantrag für das Bodenlager bei Mörfelden-Walldorf präsentiert hat. Das Terminal (lila-farbener Grundriss) hat hier nur zwei Flugsteige, die neben dem hochkontaminierten Bereich liegen.
Der überlagerte aktuelle Grundriss von Terminal 3 (graublau) zeigt dagegen, dass der ab 2018 gebauten Flugsteig G in den hoch kontaminierten Bereich hineinragt.
Damit flog aber der gesamte Betrugsversuch der Fraport auf. Schon die alten Untersuchungen hatten sehr deutlich gezeigt, dass es einzelne, lokal begrenzte extrem hohe Kontaminationen gab.
Diese hätten bei einem verantwortungsvollen Vorgehen, wie es bei anderen Altlasten
durchaus gezeigt wurde,
meßtechnisch genau abgegrenzt, getrennt entnommen und zuverlässig beseitigt werden müssen. Damit wäre eine wesentliche Quelle langfristiger Kontaminationen mit überschaubarem Aufwand beseitigt worden.
Verantwortung ist Fraport allerdings fremd. Sie versuchten, jeden Hinweis darauf zu vermeiden, dass auch in den hochkontaminierten Bereichen Erdarbeiten durchgeführt wurden und verliessen sich darauf, dass die relativ kleinen Erdmengen, die dort entnommen wurden, in den riesigen Aushubmengen der grossen Baugrube nicht auffallen würden.
Und sie kamen damit auch durch. Zwar mussten sie 2019, nachdem die Aufsichtsbehörde die offene, ungesicherte Lagerung des Gesamtaushubs nicht mehr länger dulden konnte, die Einrichtung eines
gesicherten Zwischenlagers
beantragen, schindeten damit aber ein weiteres Jahr Zeit, in dem Umlagerungen, Vermischungen und Auswaschungen das Entsorgungsproblem weiter verkleinerten.
Trotz zahlreicher gravierender Mängel, die wir (zumindest in wichtigsten Teilen) in einer
Vorlage
für Einwendungen im Genehmigungsverfahren zusammengefasst haben, wurde die Genehmigung erteilt, aber nicht in Anspruch genommen.
Es gelang Fraport in der Folgezeit, genügend Abnehmer für das Material zu finden, das dann in Lärmschutzwänden oder anderen technischen Anlagen "verwertet" wurde, so dass sie Mitte 2021
mitteilen konnten,
dass der
"Abtransport von PFC-belastetem Erdaushub abgeschlossen"
sei und das Zwischenlager
"nicht mehr benötigt"
wird.
Damit hatten sie mehr als eine halbe Million Kubikmeter Giftmüll erfolgreich
im Land verteilt.
Mit dieser Art von "Entsorgung" ist Fraport in der Tat eine grosse Sorge losgeworden. Sie mussten befürchten, für die Sanierung der Kontaminationen, von der sich der eigentliche Verursacher, die US Air Force, bei Übergabe des Geländes vertraglich hat freistellen lassen, ernsthaft Geld in die Hand nehmen zu müssen. Das wird nun zumindest auf absehbare Zeit nicht passieren.
Sorgen werden sich irgendwann diejenigen machen müssen, in deren Umgebung das verseuchte Material abgelagert wurde, aber bis diese Folgen sichtbar werden, wird es ebenfalls noch dauern.
Der grössere Teil der durch Löschschäume u.a. in den Boden eingetragenen PFAS, insbesondere das besonders problematische PFOS, dürfte allerdings im Boden rund um Terminal 3 bzw. unter den Flugsteigen verblieben sein.
Zwar ist nun die Oberfläche versiegelt, und die Versickerung von Oberflächen-Wasser und die dadurch verursachte Auswaschung ins Grundwasser dürfte deutlich reduziert sein, aber natürlich durchströmt das Grundwasser den Boden auch weiterhin und die Kontamination verbreitet sich weiter, wenn auch langsamer.
Dass das unverantwortlich ist, weiss Fraport sehr genau. Schon 2018 wurde in einer umfassenden
Analyse
in den USA aufgedeckt, dass die Gesundheitsgefahren durch PFAS den Herstellern, damals zunächst der Chemiekonzern
DuPont
und die 'Minnesota Mining and Manufacturing Company', heute bekannt als
3M,
genau bekannt waren.
Weitere Recherchen haben im Jahr 2025 ergeben, dass die Ursprünge dieser Entwicklungen wie so oft
im militärischen Bereich,
genauer im 'Manhattan-Projekt' zur Entwicklung der ersten Atombomben, lagen. Details dazu können ab Ende Februar 2026 auch auf deutsch
nachgelesen werden.
Dass PFAS eine Gefahr für die menschliche Gesundheit darstellen, wird heute kaum noch ernsthaft bestritten. Das Umweltbundesamt referiert eine Reihe von Fakten zu
PFAS im Menschen
und stellt in einer
Präsentation
vor, welche Stoffe bisher bewertet wurden, welche Materialien dafür herangezogen wurden und wie diese Arbeit weitergehen soll. Das Bundesinstitut für Risikobewertung bietet einen
Fragen- und Antwort-Katalog
zu PFAS in Lebensmitteln und Umwelt sowie zahlreiche
weitere Infos.
Aber obwohl in den letzten Jahren in einer Vielzahl von Studien zahlreiche Effekte bestimmter Komponenten dieser Stoffgruppe nachgewiesen wurden, ist es bei mehr als 10.000 mehr oder weniger unterschiedlicher Substanzen nahezu unmöglich, ein vollständiges Bild zu erhalten.
Hersteller nutzen das gnadenlos aus und spielen mit denen, die ihnen auf die Spur kommen wollen, Katz und Maus. Eine Umweltanalytikerin vom Helmholtz-Zentrum Hereon in Geesthacht sagt dazu:
"Sobald eine Substanz verboten wurde, ist die Industrie durch eine kleine Veränderung im Molekül zu einem Ersatzstoff übergegangen, der in dem Moment nicht verboten, aber zum Teil genauso problematisch war.
Das Spiel kann man immer weiterspielen, aber das löst ja das Grundproblem nicht."
Eigentlich sollte das in Europa grundsätzlich geltende Vorsorgeprinzip verhindern, dass Hersteller schädliche Produkte überhaupt auf den Markt bringen können. Das funktioniert aber nur unzureichend.
"Ein Grund dafür ist, dass Hersteller bisher nur zeigen müssen, ob eine Substanz krebserregend, fruchtschädigend oder neurotoxisch ist. Die Wirkung einer Chemikalie auf das Immunsystem müssen sie nicht prüfen."
Das ist in diesem Fall fatal, denn
"Der Effekt auf das Immunsystem ist vielleicht die wichtigste gesundheitliche Auswirkung der PFAS, weil ein dysreguliertes Immunsystem die Basis für viele Erkrankungen ist."
Das "Deutsche Ärzteblatt" referiert
"Kosten durch Gesundheitsschäden in Höhe von 39,5 Milliarden Euro im Jahr"
durch die Belastungen mit PFAS in Europa, und führt aus:
"Sie wurden in den vergangenen Jahren mit einer Reihe von Krankheiten in Verbindung gebracht, etwa chronischem Nierenversagen und arterieller Hypertonie, aber auch mit Atemwegsinfektionen, Autoimmunerkrankungen und Lebererkrankungen.
Auch Fortpflanzungsstörungen, Schwangerschaftskomplikationen und ein vermindertes fetales Wachstum treten bei exponierten Personen häufiger auf."
Eine Übersicht über die bis November 2023 vorliegenden Meßergebnisse
sowie weitere vermutete Kontaminationen im Rhein-Main-Gebiet.
Wir haben zwei besonders interessante Ergebnisse hervorgehoben.
Die vorher nur durch einzelne Untersuchungen und lokale Skandale bekannt gewordenen Belastungen wurden in Europa erstmals durch das
Forever Pollution Project
breit an die Öffentlichkeit gebracht. Das Projekt, in dem 29 Journalist*innen aus 16 europäischen Medien und 7 wissenschaftliche Berater*innen seit 2022 recherchiert und analysiert haben, hat 2023 eine
Karte
veröffentlicht, die fast 23.000 Kontaminationen und rund 21.500 zusätzliche Verdachtsflächen zeigt.
In Deutschland
berichtete
u.a. die Tagesschau darüber.
In den Jahren danach haben Proben in Oberflächengewässern rund um militärische Einrichtungen in Deutschland sowie Trinkwasser-Proben im ganzen Bundesgebiet das Ausmaß der Belastungen noch verdeutlicht.
Interessant dabei ist, dass die Fraport-Maßnahmen offensichtlich dazu geführt haben, dass die Belastungen in zwei Bächen im Süden des Flughafens
zurückgegangen
sind.
Das zeigt: die Entfernung der Kontaminationen in den oberen Bodenschichten kann dazu beitragen, dass die Verbreitung der Schadstoffe durch Flüsse und Bäche reduziert werden kann.
Was die Maßnahmen für die Verbreitung über das Grundwasser und die Belastung des Trinkwassers bedeuten, wird sich erst in Zukunft nachweisen lassen.
Für Raunheim ist interessant, dass eine auf der Karte dokumentierte Messung eine relativ hohe Belastung im Stadtwald zeigt. Zwar ist das nur eine Momentaufnahme, und es ist auch nicht klar, in welcher Grundwasserschicht die Werte gemessen wurden, aber es ist ein Warnsignal, dass bei einer möglichen Trinkwassergewinnung dort ein Risiko besteht und eine genaue Überwachung notwendig ist.
An Methoden zum
Ausfiltern
und
Beseitigen
von PFAS im Trink- und Grundwasser und im Boden wird zwar geforscht, aber bislang gibt es noch keine im grossen Stil einsetzbaren Techniken.
Aktuell angewendete Filtertechniken sind nicht nutzlos, aber aufwändig und haben für viele Komponenten dieser Stoffgruppe nur sehr geringe Wirkungsgrade. Und für eine sichere Beseitigung gibt es aktuell praktisch nur die energieaufwändige thermische Zerstörung.
Daher wäre es sehr viel wichtiger, Produktion und Einsatz von PFAS so umfassend wie möglich zu verbieten. Weniger schädliche Ersatzstoffe gibt es inzwischen für viele Einsatzbereiche, von der
Schutzkleidung
bis zu
technischen Dichtungen.
Hier sind Hersteller und Anwender gefordert, deren Einsatz schnell voranzubringen, u.a. auch
im Flugzeugbau.
Aber ohne regulatorischen Druck, sprich drohende Verbote, geht gerade hier bekanntlich garnichts.
Die Diskussionen um Beschränkungen und Verbote werden seit Jahren geführt, und es gibt durchaus ein paar Erfolge. So hat die EU noch Ende 2025 eine
Verordnung
beschlossen, mit der die Verwendung von PFAS in
Brandbekämpfungsschäumen
eingeschränkt wird, wenn auch mit Lücken und langen Übergangsfristen.
Weitere Schritte sind geplant bzw. in Arbeit. Einen
Überblick
über vorliegende Vorschläge und den weiteren Zeitplan der Gesetzgebung gibt die zuständige Europäische Chemie-Agentur.
Natürlich gab und gibt es um diese Beschränkungen heftige Auseinandersetzungen und intensives
Lobbying
von allen Seiten, dessen Auswirkungen im Detail
schwer einzuschätzen
sind.
Das "forever pollution project", das die Belastungen in Europa aufgedeckt hat, hat auch ein
Lobbying-Projekt
gestartet, das ein Jahr lang die Lobby-Aktivitäten der Industrie untersucht hat. Es kommt zu dem Ergebnis, dass viele der Industrie-Argumente
"Panikmache, falsch, irreführend oder unehrlich" (eigene Übersetzung)
sind. Deutsche Projekt-Partner wie die "MIT Technology Review" haben
eigene Zusammenfassungen
veröffentlicht.
Diese Lobby-Arbeit hat natürlich auch Wirkungen erzielt. Selbst die Europäische Umweltagentur greift mit Verweis auf
ältere Berichte
in ihrem
aktuellen Briefing
Bedenken über die mangelnde Ersetzbarkeit der PFAS in wichtigen Umweltanwendungen auf.
Die deutsche Bundesregierung, die die EU-Aktivitäten zum vollständigen Bann von PFAS anfangs, wohl auf Betreiben des Umwelt- und des Gesundheits-Ministeriums unter der Ampel-Regierung, mit initiiert hatte, knickte noch unter der gleichen Regierung
auf Druck des Kanzleramts und des Wirtschaftsministerium
ein und wandte sich gegen ein komplettes Verbot. Die aktuelle Regierung möchte die Initiative wohl am liebsten komplett torpedieren.
Die Umweltverbände halten mit
Faktenchecks
dagegen. Eigene
Berichte,
zu denen auch ein kurzes
Briefing
auf deutsch verfügbar ist, beschreiben das ganze Ausmaß der industriellen Falschdarstellungen.
Weitere Fortschritte sind trotzdem durchaus noch möglich. So treten 2026 neue EU-weite
Grenzwerte
für den Gehalt von PFAS in Trinkwasser in Kraft, und auch
einige weitere Änderungen
sind positiv.
Allgemein wird Luftverschmutzung weltweit zunehmend kritischer eingeschätzt. Die Europäische Umweltagentur EEA kommt in ihrem Luftqualitäts-Statusbericht 2025 für Europa trotz aller Bemühungen, positive Entwicklungen in den Vordergrund zu rücken, zu den Kernbotschaften:
(eigene Übersetzung)
- EU Luftqualitäts-Standards werden trotz andauernder Verbesserungen in Europa nicht voll eingehalten.
- ... Die grosse Mehrheit (94%) der EU-Stadtbevölkerung bleibt PM2,5-Konzentrationen über den Richtwerten der Weltgesundheitsorganisation ausgesetzt, was die Notwendigkeit zusätzlicher Maßnahmen zur Reduzierung der damit verbundenen Gesundheitsrisiken unterstreicht.
- Viele Orte haben bereits Luftqualitäts-Konzentrationen unterhalb der neuen EU-2030-Standards. Aber um diese Standards überall einzuhalten, sind angesichts der aktuellen Fortschritte wahrscheinlich zusätzliche Maßnahmen zur Verbesserung der Luftqualität, besonders in Städten, notwendig.
Diese Aussagen werden grafisch veranschaulicht durch die Darstellung der europäischen Meßstationen, die im Jahr 2023 die jeweiligen Grenzwerte der EU bzw. die Richtwerte der WHO eingehalten haben:
In einer eigenen Presseerklärung weist die EEA Ende 2025 noch darauf hin, dass "Häfen und Flughäfen" als "Hotspots" oder „Luftverschmutzungsschwerpunkte“ gem. der neuen EU-Luftqualitätsrichtlinie (EU) 2024/2881, Artikel 4 Satz 1 Nr. 27 künftig noch stärker zur Verschmutzung beitragen werden und gründlicher überwacht werden müssen. Ein Briefing fasst vorliegende Kenntnisse zusammen und betont insbesondere die Notwendigkeit der Messung der Belastung durch ultrafeine Partikel an Flughäfen.
Zum Zustand der europäischen Wasserressourcen heisst es in einer Pressemitteilung der Europäischen Umweltagentur von Ende 2024:
"Verschmutzung, Lebensraumverschlechterung, Auswirkungen des Klimawandels und Übernutzung der Süßwasserressourcen belasten die Seen, Flüsse, Küstengewässer und das Grundwasser in Europa wie nie zuvor. Laut der heute von der Europäischen Umweltagentur (EUA) veröffentlichten umfangreichsten Bewertung des Zustands der europäischen Gewässer kann Europa seine Ziele zur Verbesserung des Gewässerzustands im Rahmen der EU-Vorschriften voraussichtlich nicht erreichen."Die Gründe dafür liegen zwar hauptsächlich in der Landwirtschaft, aber auch die industrielle Wasserverschmutzung trägt natürlich erheblich dazu bei. Insbesondere die Auswirkungen der PFAS-Belastungen sind dabei, wie oben beschrieben, noch längst nicht ausreichend erfasst.
Im August 2025 erschien unter Beteiligung der Universitätsmedizin Mainz eine Übersicht zu "Umwelt-Risikofaktoren cardiovaskulärer Erkrankungen", die laut einer Pressemitteilung beschreibt, wie "Umweltfaktoren wie Feinstaub, Lärm, Hitze und Umweltgifte ... das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die weltweit häufigste Todesursache, deutlich erhöhen" und daher "eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung von Präventionsmaßnahmen einnehmen" sollten.
"
Die wichtigsten ... Erkenntnisse zu den Auswirkungen von verschiedenen Umweltbelastungen auf die Herz-Kreislauf-Gesundheit sind:
Und während die Wissenschaft nach Wegen sucht, die Flut neuer chemischer Gefahren besser zu regulieren, ist die Politik eifrig bemüht, "Bürokratie abzubauen" und Regulierungen zurückzufahren, um den Konzernen mehr "Wettbewerbsfähigkeit" und höhere Profite zu ermöglichen.
Klare Luft über dem Rhein-Main-Gebiet ? Der optische Eindruck ist leider nicht entscheidend.
Zusammengefaßt: es gibt keinen Grund zur Beruhigung. Die Überwachung der Luftqualität durch die Messstationen des HLNUG hat bisher mit den Immissionen durch den Flugverkehr bestenfalls am Rande zu tun. Selbst in Raunheim, wo eine UFP-Meßstation steht, werden nur die Mittelwerte der Belastung, nicht jedoch die Spitzen durch die Überflüge gemessen.
Ein Monitoring der Schadstoffe, die spezifisch aus dem Flugbetrieb resultieren, findet im Umland des Flughafens nicht statt. Belastungen durch Ultrafeinstaub und Stickoxide werden nur unzureichend gemessen.
Welchen zusätzlichen Belastungen die Menschen in der Rhein-Main-Region durch den Flughafen ausgesetzt sind, z.B. über das Trinkwasser, bleibt weitgehend verborgen, ebenso wie die Risiken, die daraus resultieren. Ohne massiven politischen Druck wird sich diese Situation nicht verbessern.